Walter Ulbricht: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Teil 2


Der Aufbau des Sozialismus.

Die Verschärfung des Kalten Krieges gegen die DDR.

aus: Walter Ulbricht, Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Herausgegeben zum Parteilehrjahr 1966/67 auf Beschluß des Politbüros des ZK der SED vom 5. Juli 1966, Dietz-Verlag Berlin, 1969,

Band 13, Seite 170 bis 248.


Kapitel 2

2. Die Veränderung der Struktur der staatlichen Organe. Die Rationalisatoren- und Neuererbewegung. Die kollektive Aktivistenarbeit.

Der planmäßige Aufbau des Sozialismus stellte an die Staatsmacht ständig höhere Anforderungen. Neben der ökonomischen Politik der SED hatten deshalb die Fragen des Staates und der weiteren Entwicklung der sozialistischen Demokratie auf der 2. Parteikonferenz den breitesten Raum eingenommen.

Die in der Zeit der antifaschistisch-demokratischen Umwälzung entstandenen Staatsorgane in den Ländern, Kreisen und Gemeinden hatten positive Arbeit geleistet und viele Formen des bürgerlichen Staates abgestreift. Aber das reichte jetzt nicht mehr aus. "Der Versuch, neuen Wein in alte Schläuche zu füllen", sagte Otto Grotewohl auf der 2. Parteikonferenz, "war nur zu einer bestimmten Periode möglich. Man muß heute zu neuen, umfassenden und wirkungsvolleren Organisationsformen kommen." (1) Vor allem auf der mittleren und lokalen Ebene entsprachen Struktur und Arbeitsweise der staatlichen Organe nicht mehr den neuen Bedingungen. Zwischen dem zentralen Staatsapparat und seiner Basis, den Kreisen und Gemeinden, standen die Länder. Da die großen Projekte des Fünfjahrplans überwiegend zentrale Vorhaben waren, verringerten sich die spezifischen Aufgaben der Regierungen und Parlamente der Länder immer mehr, und der große Länderapparat wurde praktisch in die Rolle eines technischen Vermittlers gedrängt. Die unmittelbare Verbindung zwischen den zentralen und örtlichen Organen wurde dadurch behindert und besonders die Leitung der Wirtschaft durch den Staatsapparat sehr erschwert. So gehörte zum Beispiel das Kohlegebiet um Cottbus, das im Fünfjahrplan eine wichtige Rolle spielte, zu den Ländern Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Hinzu kam, daß manche Mitglieder des Staatsapparates, vor allem in den Ländern, noch an der alten Arbeitsweise des bürgerlichen Staates festhielten und bürokratische und formale Methoden anwandten. Andere wiederum hatten sich nicht die nötigen Erfahrungen und Kenntnisse erworben, um die neuen Aufgaben bewältigen zu können. Es kam aber gerade darauf an, die Werktätigen stärker in die staatliche Tätigkeit einzubeziehen und den Aufbau des Sozialismus sachkundig zu leiten.

In Übereinstimmung mit den anderen Blockparteien hatte die 2. Parteikonferenz der SED deshalb vorgeschlagen, die Struktur und die Arbeitsweise der staatlichen Organe auf der Ebene der Kreise und Länder umzugestalten.

Durch Gesetz der Volkskammer vom 23. Juli 1952 wurden anstelle der bisherigen fünf Länder 14 Bezirke gebildet: die Bezirke Chemnitz (seit 1953 Karl-Marx-Stadt), Cottbus, Dresden, Erfurt, Frankfurt, Gera, Halle, Leipzig, Magdeburg, Neubrandenburg, Potsdam, Rostock, Schwerin und Suhl. Dazu kam das Stadtgebiet von Großberlin. Diese Gliederung entsprach im wesentlichen den wirtschaftlichen Schwerpunkten. Die Kreise wurden verkleinert und ihre Zahl von 132 auf 217 erhöht. Bei den Bezirks- und Kreistagen wurden erstmals ständige Kommissionen als Organe der gewählten Volksvertretungen geschaffen, die zahlreiche Bürger in die ehrenamtliche staatliche Arbeit einbezogen. In den Städten mit über 100.000 Einwohnern wurden einzelne Stadtbezirke gebildet, deren Organe sich ebenfalls auf viele ehrenamtliche Mitarbeiter stützten.

Bereits im Mai 1952 war das Gesetz über die Staatsanwaltschaft der DDR erlassen worden. Die Staatsanwaltschaft wurde zu einem zentralisierten, unabhängigen Organ, dessen Aufgabe nicht mehr lediglich die Anklagevertretung vor Gericht war, sondern der vor allem die Aufsicht über die Einhaltung der sozialistischen Gesetzlichkeiten auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens in der DDR oblag. Im Oktober 1952 verabschiedete die Volkskammer das Gerichtsverfassungsgesetz, eine neue Strafprozeßordnung und das Gesetz zum Schutz des Volkseigentums und anderen gesellschaftlichen Eigentums. Durch diese Gesetze wurde eine Reihe bürgerlicher Rechtsformen und Einrichtungen beseitigt. Sie halfen den Justizorganen, sich in sozialistische Staatsorgane umzugestalten und stärkten die sozialistische Gesetzlichkeit.

Durch die Veränderung der staatlichen Organe wurden die Formen der Staatsmacht mit ihrem neuen Inhalt in Übereinstimmung gebracht. Ihre Struktur wurde der neuen Ökonomik angepaßt, der Staatsapparat enger mit den Werktätigen verbunden und das Prinzip des demokratischen Zentralismus konsequent durchgesetzt. Die staatliche Leitung der Volkswirtschaft konnte erheblich verbessert werden. Das Wesen aller dieser Maßnahmen bestand darin, die Arbeiter-und-Bauern-Macht zu stärken, den Einfluß der Arbeiterklasse in den staatlichen Organen zu erhöhen und die sozialistische Demokratie zu entwickeln. Die SED ließ sich von dem Hinweis W.I. Lenins leiten, der am Tage nach dem Sieg der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution erklärt hatte: "Die Bourgeoisie hält nur dann einen Staat für stark, wenn er mit der ganzen Macht des Regierungsapparates die Massen dorthin zu dirigieren vermag, wohin es die bürgerlichen Machthaber wollen. Unser Begriff von Stärke ist ein anderer. Nach unseren Begriffen ist es die Bewußtheit der Massen, die den Staat stark macht. Er ist dann stark, wenn die Massen alles wissen, über alles urteilen können und alles bewußt tun." (2)

Zur Zeit der 2. Parteikonferenz der SED leisteten bereits etwa 300.000 Werktätige eine ehrenamtliche staatliche Arbeit. Von Jahr zu Jahr wuchs die Zahl der Arbeiter und Bauern, der Frauen und Jugendlichen, der Angehörigen der Intelligenz und vieler anderer Menschen aus allen Bevölkerungsschichten, die in den Volksvertretungen und ihren Organen, in Kommissionen, Aktivs, Ausschüssen, Beiräten und anderen Formen unmittelbar an der staatlichen Leitung des sozialistischen Aufbaus teilnahmen.

Nachdem Konrad Adenauer den Vertrag über die EVG und den Generalvertrag unterzeichnet und der westdeutsche Staatssekretär Walter Hallstein unverhüllt das Programm von der "Befreiung Europas bis zum Ural" verkündet hatte, war es notwendig, die Verteidigungsbereitschaft der DDR zu erhöhen. "Wir sollten wohl verstehen", hatte Wilhelm Pieck auf der 2. Parteikonferenz der SED erklärt, "wenn die Deutsche Demokratische Republik schwach und ungeschützt ist, wenn sie keine Verteidigung zu schaffen vermag, so wird sie zu einer Verlockung für die Aggressoren werden, die auf leichte Beute aus sind ... Unser Banner bleibt nach wie vor das BANNER DES FRIEDENS! ... Wir wollen keinen Krieg, und wir werden alles tun, um ihn zu verhindern. Aber eben um den Imperialisten die Lust an Kriegsabenteuern im Herzen Europas zu nehmen, müssen wir unsere eigenen starken nationalen Streitkräfte schaffen ..." (3)

Mit dem Beschluß der 2. Parteikonferenz, bewaffnete Streitkräfte der DDR zu schaffen, zog die SED die militärpolitischen Schlußfolgerungen aus der neuen Lage und trug dazu bei, die aggressiven Pläne der militaristischen Kreise in Westdeutschland zu durchkreuzen.

Bei der Verwirklichung dieses Beschlusses ging die SED außerordentlich umsichtig vor. Sie berücksichtigte die komplizierte Situation in Deutschland, die darin bestand, daß einerseits die Sicherheit der DDR gegen die imperialistische Bedrohung in ausreichendem Maße gewährleistet und andererseits auch aus militärpolitischer Sicht alle Möglichkeiten zur Herstellung eines einheitlichen, demokratischen deutschen Staates offengehalten werden mußten. Die Partei bestimmte jeden Schritt ihrer Militärpolitik immer vom Standpunkt der friedlichen Lösung der nationalen Frage des deutschen Volkes.

Der Kampf der Friedenskräfte, der die vollständige Remilitarisierung Westdeutschlands erheblich verzögerte, sowie die Tatsache, daß die Sowjetarmee den Schutz der DDR vor einer imperialistischen Intervention gewährleistete, ermöglichten es, zunächst auf den Aufbau einer eigenen Armee zu verzichten und den Polizeicharakter der bewaffneten Kräfte beizubehalten. Die bestehenden Bereitschaften der Volkspolizei wurden Ende 1952 in die Kasernierte Volkspolizei umgewandelt. Ihre Hauptaufgabe blieb auch zu dieser Zeit der innere Schutz der DDR gegen konterrevolutionäre Kräfte, Agenten- und Diversantengruppen. Die Kontrolle der Grenzen oblag weiterhin der Deutschen Grenzpolizei. Damit war die Möglichkeit offengelassen, die eingeleiteten Maßnahmen beim Zustandekommen einer Verständigung zwischen den beiden deutschen Staaten relativ schnell wieder rückgängig zu machen. Die SED und die Regierung ließen jedoch keinen Zweifel daran, daß die DDR nationale Streitkräfte schaffen werde, wenn der Aufbau der westdeutschen NATO-Armee nicht verhindert würde.

Die bewaffneten Organe der DDR setzten die militärpolitischen Traditionen von Karl Marx und Friedrich Engels, der deutschen Arbeiterklasse und aller patriotischen Kräfte des deutschen Volkes fort. 80 Prozent der Offiziere entstammten der Arbeiterklasse. Während die militärischen Verbände in der Bundesrepublik - Bundesgrenzschutz, Bundesbereitschaftspolizei, Deutsche Dienstgruppen und andere - meist von ehemaligen Wehrmachtsoffizieren, darunter verurteilten Kriegsverbrechern, geleitet wurden, standen an der Spitze der Kasernierten Volkspolizei Männer wie der ehemalige Schlosser Karl-Heinz Hoffmann, der schon in Spanien gegen den Faschismus gekämpft hatte.

Die FDJ übernahm die Patenschaft über die bewaffneten Kräfte; zahlreiche ihrer besten Mitglieder meldeten sich freiwillig zum Ehrendienst in der Kasernierten Volkspolizei. Die Schaffung bewaffneter Kräfte wurde jedoch nicht von allen Menschen in der DDR sogleich verstanden. Der Abscheu gegen den Krieg hatte besonders in kleinbürgerlichen Bevölkerungskreisen, aber auch bei manchem Arbeiter zu einer pazifistischen Haltung geführt. Nach der jahrelangen Erziehungsarbeit der SED zum Frieden und zur Völkerfreundschaft war es oft nicht leicht, die Menschen davon zu überzeugen, daß der Frieden notfalls auch mit der Waffe in der Hand und an der Seite der Sowjetarmee verteidigt werden muß.

Die SED wich vor dieser schwierigen Aufgabe nicht zurück. Die 10. Tagung des Zentralkomitees der SED im November 1952 bezeichnete es als eine wichtige Seite der Parteiarbeit, der Bevölkerung die nationale Aufgabe der Kasernierten Volkspolizei zu erklären. Die Funktionäre und Mitglieder der SED und zahlreiche andere Mitarbeiter der Nationalen Front erläuterten der Bevölkerung unermüdlich den grundsätzlichen Unterschied zwischen den bewaffneten Organen des Arbeiter-und-Bauern-Staates, die den Frieden und die friedliche Arbeit schützen, und der militaristischen Armee des deutschen Imperialismus, die immer ein Instrument der Monopole war. Sie führten den Menschen vor Augen, daß eine pazifistische Haltung und die Wehrlosigkeit der DDR die deutschen Militaristen ermuntern würden, ihre Kriegsvorbereitungen fortzusetzen.

Die Führung der SED verfolgte die Entwicklung der bewaffneten Organe mit großer Aufmerksamkeit. Mitglieder des Politbüros und des Sekretariats des Zentralkomitees besuchten Einheiten der Kasernierten Volkspolizei und der Grenzpolizei und überzeugten sich an Ort und Stelle vom Stand der Erziehungs- und Ausbildungsarbeit. In einem Brief des Zentralkomitees an die Mitglieder und Kandidaten der SED in den bewaffneten Kräften vom Januar 1953 stellte die Parteiführung fest, daß die verstärkte ideologische Erziehungsarbeit durch die Parteiorganisation das wichtigste Kettenglied zur Erhöhung der Kampfkraft der Kasernierten Volkspolizei ist. Das Zentralkomitee betonte die notwendige Einheit zwischen politischer Arbeit und fachlicher Ausbildung. Es verlangte, die Prinzipien des demokratischen Zentralismus auch in der Tätigkeit der Parteiorganisationen in den bewaffneten Organen konsequent zu verwirklichen und forderte zugleich die verstärkte Erziehung zur militärischen Disziplin. Der Brief des Zentralkomitees, der die Richtlinien für die politische Arbeit in den bewaffneten Kräften enthielt, beschleunigte die Entwicklung der Kasernierten Volkspolizei zu einem wirksamen Schutzinstrument des Arbeiter- und Bauern-Staates.

Die weitere ökonomische Festigung der DDR war auch in dem neuen Abschnitt des Kampfes der zwei Systeme in Deutschland von entscheidender Bedeutung. Bereits am 16. April 1952 hatte das Zentralkomitee der SED die Arbeiterklasse und alle Werktätigen der DDR in einem "Ruf an die Nation" aufgefordert, angesichts der offenen Kriegsvorbereitungen in Westdeutschland noch größere Anstrengungen dafür zu unternehmen, den Fünfjahrplan zu erfüllen und die Republik stark und unangreifbar zu machen.

Vor allem war es notwendig, den Wettbewerb zu entwickeln und die Mehrheit der Arbeiter in diese Bewegung einzubeziehen. Die Aufgaben des sozialistischen Aufbaus konnten jedoch auf die Dauer mit den bisherigen Formen des Wettbewerbs nicht gelöst werden. Die planmäßige Errichtung der Grundlagen des Sozialismus erforderte die systematische Erhöhung der Arbeitsproduktivität sowie die Entwicklung und Vervollkommnung der sozialistischen Produktionsverhältnisse. Dazu war es erforderlich, dem Wettbewerb mehr und mehr sozialistische Züge zu verleihen, indem die Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe verstärkt, die Unterstützung der Schwächeren durch die Fortgeschrittenen organisiert und die Ziele des Wettbewerbs systematisch auf die wirtschaftlichen Schwerpunkte gelenkt wurden. Nicht nur die Einstellung zur Arbeit, sondern der Arbeitsprozeß und die materiellen Produktivkräfte selbst mußten verändert werden. Stand bei den bisherigen Wettbewerben meist der Umfang der Produktion im Mittelpunkt, so mußten nunmehr die Qualität der Erzeugnisse, die Einführung der neuen Technik, die Einsparung von Material, die Senkung der Selbstkosten und die komplexe Planerfüllung in den Wettbewerb einbezogen und zu vorrangigen Zielen werden.

Das war eine schwierige und komplizierte Aufgabe, die hohe Anforderungen an das Klassenbewußtsein und an die fachlichen Kenntnisse der Arbeiter stellte. Sie erforderte verantwortungsbewußtes Nachdenken darüber, wie die Nachbarbrigade, der Meisterbereich, ja der ganze Betrieb die Arbeit verbessern können. Die Hilfe für die Schwächeren brachte hochqualifizierten Arbeitern oft eine zeitweilige Lohnminderung. Die Partei- und Gewerkschaftsorganisationen mußten eine beharrliche Aufklärungsarbeit leisten, um Schritt für Schritt die neuen Formen des Wettbewerbs durchzusetzen.

Am 19. April 1952 beschloß eine außerordentliche Konferenz von 200 Aktivisten, Meistern, Ingenieuren und Technikern des VEB Transformatoren- und Röntgenwerkes Dresden, einen "Plan der Rationalisatoren und Erfinder" auszuarbeiten. Die Teilnehmer stellten sich damit das Ziel, im Jahre 1952 eine Million DM einzusparen. Diese Summe sollte der Regierung für das Nationale Aufbauwerk zum Neuaufbau der Hauptstadt Berlin überreicht werden.

Die Initiative der Werktätigen des VEB Transformatoren- und Röntgenwerkes Dresden gab den Anstoß zur Rationalisatoren- und Neuererbewegung in der Volkswirtschaft der DDR. Diese Bewegung spielte bei der Erfüllung des ersten Fünfjahrplans eine ähnliche Rolle wie die Hennecke-Bewegung während des Zweijahrplans. Das Neue des Plans der Rationalisatoren und Erfinder bestand darin, daß die Bemühungen der Arbeiter, Angestellten, Techniker und Ingenieure, die Betriebsausrüstungen und den Produktionsablauf zu verbessern und die vorhandene Technik rationell auszunutzen, planmäßig zusammengefaßt und gefördert wurde. Der wichtigste Teil dieses Plans war die öffentliche Betriebsüberprüfung. Sie sah vor, daß die Brigaden gegenseitig ihren Arbeitsplatz, ihre Aggregate und deren technischen Zustand, die Arbeitsorganisation und den Materialverbrauch überprüfen. Ziel der Überprüfung war es, die Technik zu verbessern, die Arbeitsproduktivität zu steigern und die Selbstkosten zu senken.

Bis Ende 1952 wurden von den Werktätigen der sozialistischen Betriebe 291000 Verbesserungsvorschläge mit einem Nutzen von rund 100 Millionen DM eingereicht. Aber die Rationalisatoren- und Neuererbewegung brachte nicht nur einen unmittelbaren ökonomischen Nutzen. Viele Arbeiter besorgten sich Fachbücher, erweiterten ihr Wissen und berieten gemeinsam mit den Angehörigen der technischen Intelligenz, wie der Produktionsprozeß verbessert werden kann. Die Rationalisatoren- und Neuererbewegung trug somit zur Qualifizierung der Arbeiter bei und förderte die Zusammenarbeit mit der Intelligenz.

Eine ebenfalls neue Form des sozialistischen Wettbewerbs, die kollektive Aktivistenarbeit, wurde in dieser Zeit im Steinkohlenbergbau geboren. Die Bergarbeiter gehörten zum fortgeschrittensten Teil der Arbeiterklasse der DDR. Nicht zufällig war die Hennecke-Bewegung im Steinkohlenbergbau entstanden. Trotz großer Anstrengungen konnten jedoch die Bergarbeiter den Plan im ersten Jahr des Fünfjahrplans nicht erfüllen. Das war vor allem auf die Nachwirkungen des kapitalistischen Raubbaus, auf technische Rückständigkeit, schlechte Arbeitsorganisation und den Mangel an Facharbeitern, nicht zuletzt aber auch auf die Sabotage- und Schädlingsarbeit feindlicher Elemente in den Leitungsorganen des Steinkohlenbergbaus zurückzuführen.

Diese unbefriedigende Lage veranlaßte den Brigadier Franz Franik vom VEB Steinkohlenwerk "Karl Marx" in Zwickau, einen der besten Häuer des Zwickau-Oelsnitzer Reviers, nach einem Weg zu suchen, wie die Produktion schneller gesteigert werden kann. Er sagte darüber: "Als Häuer erreichte ich eine Normerfüllung von 270 Prozent, andere Kollegen meiner Brigade erreichten aber nur 110 oder 80 Prozent. Deshalb verpflichtete ich mich, meinen Kameraden meine Arbeitserfahrungen mitzuteilen, um den Gesamtplan zu erfüllen. Es war klar für mich: Ich verdiene zwar weniger, aber der Staat erhält mehr Kohle, der Sozialismus wird so eher verwirklicht. Das ist die Hauptsache." (4) Franz Franik forderte von der Werkleitung im März 1952, den Betriebsplan auf die Brigade und jedes ihrer Mitglieder aufzuschlüsseln, um täglich die Erfüllung und Übererfüllung des Plans kontrollieren zu können.

Diese Forderung war von prinzipieller Bedeutung für die Verbesserung der Leitung und der Arbeitsorganisation in allen sozialistischen Betrieben. Es wurden Voraussetzungen geschaffen, daß die Bestleistungen nicht mehr auf einzelne beschränkt blieben, sondern zu Bestleistungen ganzer Kollektive werden konnten. Die Brigade Franik erreichte durch die Arbeit auf neue Art bereits im Verlauf von fünf Monaten einen Planvorsprung von 130 Tagen. Die Franik-Bewegung brachte das sozialistische Prinzip der Hilfe des Fortgeschrittenen für den Zurückbleibenden besonders eindrucksvoll zum Ausdruck. Für die Franik-Brigaden war es kennzeichnend, daß alle Brigademitglieder zur ständigen Aktivistenleistung qualifiziert wurden. Das war nur möglich, indem die fortgeschrittensten Arbeiter ihre Arbeitserfahrungen den anderen mitteilten.

Der Gedanke der kollektiven Aktivistenleistung wurde im Zwickauer Martin-Hoop-Schacht IV weiterentwickelt. Nach dem Vorbild des sowjetischen Obermeisters Nikolai Rossiski veranlaßten Parteiorganisation und Gewerkschaft, daß Arbeiter aus den verschiedenartigsten Brigaden zeitweilig in die fortgeschrittensten Brigaden aufgenommen wurden und dort die besten Arbeitsmethoden kennenlernten. Danach bildeten viele von ihnen neue Brigaden und förderten junge, noch unerfahrene Kumpel. Auf diese Weise wurde Schritt für Schritt erreicht, daß alle Brigaden des Abschnitts und schließlich des ganzen Schachts nach den fortgeschrittensten Methoden arbeiteten.

In kurzer Zeit folgten Hunderte von Brigaden des Steinkohlenbergbaus, der Braunkohlenwerke, der Schächte der Wismut-AG, des Mansfelder Kupferbergbaus und weiterer Industriezweige dem Vorbild Franz Franiks und seiner Brigade. Viele hervorragende Mitglieder der SED und Neuerer der Produktion, wie Gustav Hübner, Otto Trinks und Josef Wenig, leisteten Vorbildliches bei der Verbreitung der neuen Arbeitsmethoden. Sie ließen sich durch Zweifel, Mißtrauen und zählebige alte Gewohnheiten nicht beirren und bewiesen damit, daß die Arbeiterklasse der DDR zahlreiche Persönlichkeiten hervorgebracht hatte, die den neuen Inhalt der Arbeiterbewegung und die hohen moralischen Eigenschaften von sozialistischen Menschen verkörperten.

Einer von ihnen war Paul Robalewski, Meister in den Buna-Werken. Jahrzehnte hatte seine Arbeit dazu gedient, fremder Herren Reichtum zu mehren, bis die Diener selbst zu Herren der Betriebe wurden und das Volk für seinen eigenen Wohlstand zu arbeiten begann. 1945 wollte er eigentlich nicht wieder in die Karbidfabrik, in der er, bevor er Soldat wurde, gearbeitet hatte. Neben den wenigen Facharbeitern, die sich wieder zusammengefunden hatten, standen viele, die nie mit der Arbeiterklasse, wohl aber mit dem Faschismus verbunden gewesen waren - ehemalige Mitglieder der NSDAP, Offiziere, Gutsbesitzer und sogar ein Freiherr. Junge Menschen waren dabei, die nichts anderes gelernt hatten als Krieg und Völkermord. Paul Robalewski bezweifelte, daß diese Menschen erzogen werden können. Er erfuhr, daß man alles schaffen kann, wenn man nicht allein ist. 1945 trat er der SPD bei und wurde Mitglied der vereinigten Arbeiterpartei. Hier lernte er politisch denken und handeln. 1950 nahm er an einem Zirkel des ersten Parteilehrjahrs teil, dann wurde er selbst Zirkelleiter. Um andere überzeugen zu können, nahm er Buch um Buch in seine Hände, las und begann, den Marxismus zu begreifen. Im gleichen Jahr wurde er das erste Mal Aktivist. Schon immer hatte er viel über die Arbeit an den Karbidöfen nachgedacht. Aber für die Herren der Konzernleitung war das nie der Rede wert gewesen. Jetzt fanden seine Ideen, fand seine Arbeit Anerkennung und Lohn. Jetzt holten sich viele andere, darunter Wissenschaftler und Ingenieure, bei ihm Rat, und er teilte ihnen bereitwillig seine reichen Erfahrungen mit. Bald lud man ihn zum Erfahrungsaustausch nach Moskau, Leningrad und in die CSR ein. Viele von den Jungen, an denen er 1945 noch gezweifelt hatte, waren mit seiner Hilfe inzwischen selbst Facharbeiter und Meister geworden. Und Paul Robalewski war ihr Vorbild.

Große Produktionsleistungen wurden 1952 - wie schon in den vorangegangenen Jahren - auch von den Stahl- und Walzwerkern vollbracht. Zu Ehren der 2. Parteikonferenz der SED führten sie in der Zeit vom 15. Juni bis 31. August 1952 einen Sonderwettbewerb durch. In den ersten Monaten des Jahres 1952 hatten mehrere Werke den Plan übererfüllt. Dadurch standen den Blech- und Grobwalzwerken mehr Blöcke zur Verfügung als ursprünglich im Plan vorgesehen war. Das Ziel des Sonderwettbewerbs der Stahl- und Walzwerker bestand darin, das Plansoll gegenüber den ersten vier Monaten des Jahres 1952 um 20 Prozent zu erhöhen und die Qualität der Produktion zu verbessern.

Unter unmittelbarer Anleitung durch das Zentralkomitee der SED erreichten die Stahl- und Walzwerker Produktionsergebnisse, die bis dahin für unmöglich gehalten worden waren. Im Vergleich zu den ersten vier Monaten des Jahres 1952 stieg während des elfwöchigen Sonderwettbewerbs der Blockdurchsatz der Walzwerke von rund 300.000 Tonnen auf über 351.000 Tonnen und die Leistung der Blechwalzwerke von rund 48.000 Tonnen auf 67.000 Tonnen. Gleichzeitig konnte die Qualität der Erzeugnisse verbessert werden. Im Verlauf dieses Wettbewerbs fand zum ersten Mal eine größere Anzahl von Produktionsberatungen in den Betrieben statt. Das war ein weiterer wichtiger Schritt, die Arbeiter unmittelbar in die Leitung der Wirtschaft einzubeziehen.

Charakteristisch für diesen Wettbewerb war die gegenseitige kameradschaftliche Hilfe zwischen den Walzwerkern verschiedener Betriebe. So entsandte das Stahlwerk Hettstedt eine gemischte Brigade nach Thale, um den Arbeitern des dortigen Walzwerkes zu helfen, den Anschluß an die besten Betriebe zu erreichen.

Gestützt auf die Erfahrungen und Ergebnisse dieses Sonderwettbewerbs, organisierten die SED und der FDGB im vierten Quartal 1952 den ersten sozialistischen Wettbewerb eines ganzen Industriezweiges, der Metallurgie. Die Erfüllung und Übererfüllung des Staatsplanes in der Metallurgie war entscheidend für das planmäßige Wachstum der anderen Zweige der Volkswirtschaft. Dank diesem Wettbewerb wurde der Volkswirtschaftsplan 1952 in der Metallurgie mit 107 Prozent erfüllt und damit das beste Ergebnis aller Industriezweige erreicht. Mit Hilfe der staatlichen Organe und der Gewerkschaften wurden neue sowjetische Arbeitsmethoden eingeführt wie die Amossow-Methode beim Stahlschmelzen und das Walzen nach der Turtanow-Methode. Mit der Amossow-Methode konnte die tägliche Stahlerzeugung pro Quadratmeter Herdfläche von 3,72 Tonnen im ersten Quartal des Jahres 1952 auf 4,49 Tonnen im vierten Quartal erhöht werden.

Durch die rasche Entwicklung der Volkswirtschaft der DDR erhöhte sich die Verantwortung der leitenden Organe. Wie die Untersuchungen der Lage in wichtigen Betrieben und Industriezweigen, im VEB Bergmann-Borsig, Berlin-Wilhelmsruh, im Steinkohlenbergbau und im Mansfelder Kupferbergbau, durch das Zentralkomitee ergeben hatten, hielten die leitenden Organe nicht immer Schritt mit den Anstrengungen der Werktätigen zur Erfüllung der Pläne. Einige Staatsfunktionäre duldeten es, daß die Plandisziplin verletzt wurde. Dem Sparsamkeitsregime und der Einführung technisch begründeter Arbeitsnormen wurde von verantwortlichen Staats- und Wirtschaftsfunktionären wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Ende 1952 waren zum Beispiel im Schwermaschinenbau und in der chemischen Industrie nur etwa ein Viertel und in der elektrotechnischen Industrie nur zwölf Prozent aller Normen technisch begründete Arbeitsnormen. Der geplante Lohnfonds wurde 1952 um etwa eine halbe Milliarde DM überschritten, während die Selbstkosten nicht dem Plan entsprechend gesenkt wurden. Dazu kamen Störungen in der Entwicklung der Volkswirtschaft, die vom privatkapitalistischen Sektor ausgingen. In ihrem Profitstreben konzentrierten sich viele Unternehmer nicht auf die von der Volkswirtschaft am meisten benötigten Erzeugnisse und verletzten ihre Verträge mit volkseigenen Betrieben.

Das Zentralkomitee der DDR beschäftigte sich in mehreren Plenartagungen und in einer Reihe wichtiger Beschlüsse mit den Problemen der Entwicklung der Volkswirtschaft der DDR und legte insbesondere Maßnahmen fest, die die leitenden Organe besser befähigen sollten, den erhöhten Anforderungen besser gerecht zu werden. Mit größtem Nachdruck forderte die Parteiführung, in der staatlichen Verwaltung und in der sozialistischen Industrie das Prinzip der persönlichen Leitung und Verantwortung durchzusetzen, ein strenges Sparsamkeitsregime einzuführen sowie die Ausarbeitung und Kontrolle der Pläne wesentlich zu verbessern. Als wichtiges Mittel dazu wurde in den sozialistischen Betrieben das System der Dispatcherdienste eingeführt.

Bei der Weiterentwicklung ihrer Wirtschaftspolitik stützte sich die SED auf die reichen Erfahrungen der KPdSU (B) und der sowjetischen Werktätigen, besonders bei der sozialistischen Industrialisierung des Landes. Im damaligen Stadium der Entwicklung war vor allem die Erkenntnis von Bedeutung, daß "... die Selbstkostensenkung das zentrale Problem der Industrie" (5) ist und die sozialistische Rationalisierung der Produktion die Hauptmethode für seine erfolgreiche Lösung sein müsse.

Bei der Einführung eines strengen Sparsamkeitsregimes konzentrierten sich Partei und Gewerkschaft im Herbst 1952 zunächst auf den Maschinenbau, das Kernstück der Schwerindustrie. Nach gründlichen Diskussionen verpflichteten sich die Kollektive von 21 Betrieben des Maschinenbaus, von den im ersten Halbjahr 1952 entstandenen Verlusten 5,8 Millionen DM aufzuholen und gleichzeitig dafür zu sorgen, daß ihre Betriebe im Jahre 1953 auf staatliche Subventionen verzichten konnten. Das war ein wesentlicher Schritt, um die Akkumulation der sozialistischen Volkswirtschaft zu erhöhen. Der Werkleiter des VEB Carl Zeiss Jena, Hugo Schrade, erklärte gegenüber dem Präsidenten der DDR, Wilhelm Pieck: "Das Beispiel, das wir geben, solle alle Betriebe aufrufen, dem Staatshaushalt der Deutschen Demokratischen Republik jene Mittel zuzuführen, die dem beschleunigten Aufbau des Sozialismus dienen." (6) Die Werktätigen der Betriebe, die an diesem Wettbewerb teilnahmen, überboten das selbstgesteckte Ziel beträchtlich. Statt der vorgesehenen 5,8 Millionen DM wurden bis Jahresende insgesamt 9,5 Millionen DM an Verlusten aufgeholt. Zahlreiche sowjetische Spezialisten halfen den Werktätigen der DDR, die Großbetriebe zu rekonstruieren, ihre technische Ausrüstung zu verbessern und ihre Rentabilität zu erhöhen.

Die Einführung neuer Leitungsmethoden in Staat und Wirtschaft erforderte eine beharrliche Überzeugungsarbeit. Infolge der jahrzehntelangen Vorherrschaft der bürgerlichen Ideologie, besonders des Revisionismus, gab es in der Arbeiterklasse und auch in den Reihen der Partei noch viele falsche, einseitige und verzerrte Auffassungen vom Sozialismus, zum Beispiel solche, daß Sozialismus Gleichmacherei bedeute, daß man im Sozialismus mehr verbrauchen könne als produziert würde und daß es nur vom "guten Willen" der SED und der Regierung abhänge, die Löhne zu erhöhen und die Preise zu senken. Diese dem Sozialismus fremden und der Arbeiterklasse schädlichen Auffassungen wurden durch die imperialistische Propaganda aus dem Westen genährt, die täglich in die DDR eindrang und noch bei vielen Menschen Gehör fand. Im Kampf gegen die feindliche Ideologie erläuterte die SED den Werktätigen, daß das bessere Leben im Sozialismus nicht vom Himmel fällt, sondern nur durch beharrliche, ausdauernde und gewissenhafte Arbeit errungen werden kann. Sie erklärte dem Volk, daß die Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus unvermeidlich mit Schwierigkeiten und Widersprüchen verbunden ist, die nur Schritt für Schritt überwunden werden können.

1953 jährte sich zum 135. Male der Geburtstag des größten Sohnes des deutschen Volkes, Karl Marx. Viel wurde von der Partei getan, den Werktätigen die welthistorische Bedeutung des Werkes von Karl Marx, seiner unsterblichen Ideen bewußt zu machen und die Bevölkerung der DDR im Geiste des entschlossenen Kampfes für die sozialistische Gesellschaftsordnung zu erziehen. Im Karl-Marx-Jahr 1953 wurden zahlreiche Werke von Karl Marx und Friedrich Engels neu herausgegeben und eine Reihe wissenschaftlicher Konferenzen über Leben und Werk der Begründer des wissenschaftlichen Kommunismus veranstaltet. Während bürgerliche Ideologen und Führer der SPD in Westdeutschland die großen Ideen des Marxismus totschweigen wollen oder sie als "veraltet" bezeichneten, wurde in der DDR theoretisch und praktisch der Nachweis erbracht, daß diese auch in ihrem Geburtsland zur lebendigen Wirklichkeit wurden. Die SED schuf Klarheit darüber, daß die Lehre von Karl Marx und Friedrich Engels das größte Kulturgut der deutschen Nation ist, durch das sie bei allen Völkern der Erde hohes Ansehen erhalten hat. Sie verstärkte ihren Kampf gegen den Opportunismus und das Versöhnlertum in ideologischen Fragen sowie gegen die abstrakte und dogmatische Vermittlung der materialistischen Weltanschauung.

Die Errichtung der Grundlagen des Sozialismus erforderte die gleichberechtigte und umfassende Erziehung der Frauen und der Jugendlichen in den sozialistischen Aufbau. Die SED und die Regierung unternahmen deshalb große Anstrengungen, die Initiative der Frauen und der Jugendlichen, besonders der in den Betrieben beschäftigten, zu fördern, sie zu qualifizieren und ihr politisches Bewußtsein zu erhöhen.

Auf Empfehlung des Politbüros des Zentralkomitees der SED vom 8. Januar 1952 wurden in den Betrieben der Industrie und der Landwirtschaft sowie in den staatlichen Einrichtungen und wissenschaftlichen Institutionen Frauenausschüsse gewählt. Ihre Aufgabe war es, die Interessen aller Frauen eines Betriebes zu vertreten, unabhängig von ihrer Zugehörigkeit zu einer Organisation. Bei der Realisierung der Frauenförderungspläne in den Betrieben leisteten viele Frauenausschüsse eine wertvolle Arbeit. Mit ihrer Unterstützung wurden Kinderkrippen, Wäschereien, Betriebsverkaufsstellen und andere Einrichtungen geschaffen, die das Leben der werktätigen Frauen erleichterten.

In Auswertung der Richtlinien der 2. Parteikonferenz der SED berief der Bundesvorstand des FDGB im September 1952 eine Frauenkonferenz ein. Die Empfehlungen dieser Konferenz bildeten die Grundlage für einen Beschluß der 11. Tagung des Bundesvorstandes vom 3. und 4. Oktober 1952, der den Betriebsgewerkschaftsleitungen die Aufgabe stellte, die Betriebsleitungen bei der Ausarbeitung und der Verwirklichung von Frauenförderungsplänen in den volkseigenen und ihnen gleichgestellten Betrieben zu unterstützen und sie zu kontrollieren. Die Frauenförderungspläne sollten Maßnahmen enthalten, die es ermöglichten, mehr Frauen für die Produktion zu gewinnen, sie fachlich und politisch zu qualifizieren und die werktätigen Frauen von bestimmten häuslichen Arbeiten zu entlasten. Die Zentralvorstände der Gewerkschaften bildeten Frauenabteilungen.

In den Mittelpunkt der Arbeit mit der Jugend stellte das Zentralkomitee der SED die Aufgabe, die Jugendlichen zu qualifizieren und zu politisch bewußten Facharbeitern auszubilden. Auf Initiative der SED wurden die Leiter volkseigener Betriebe und der staatlichen Dienststellen verpflichtet, jährlich gemeinsam mit der FDJ einen Plan zur Förderung der Jugend auszuarbeiten, der einen Bestandteil der Betriebskollektivverträge und der örtlichen Programme des Nationalen Aufbauwerkes bildete. Die Jugendförderungspläne sollten vor allem Maßnahmen zur fachlichen Qualifizierung der Jungarbeiter und zur stärkeren Heranziehung von Jugendlichen für verantwortliche Funktionen enthalten.

Die Leitungen und die Grundorganisationen der SED wurden aufgefordert, die Jugend besonders an ein systematisches Studium heranzuführen und ihr die Aneignung der neuesten Erkenntnisse von Wissenschaft und Technik zu ermöglichen. Des weiteren wurde ihnen die Aufgabe gestellt, die besten Jugendlichen aus der FDJ und den Gewerkschaften für die Aufnahme in die SED vorzubereiten. Besonders Jungarbeiter sollten als Kandidaten gewonnen werden.

Um die Frauen und die Jugendlichen in den Aufbau des Sozialismus einzubeziehen, mußte sich die SED mit rückständigen Auffassungen auseinandersetzen, die unter anderem in Fällen der Verletzung des Prinzips der Gleichberechtigung der Frau und des Prinzips "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit" zum Ausdruck kamen.

Die Errichtung der Grundlagen des Sozialismus stellte die SED und die Regierung ebenfalls vor neue große Aufgaben auf dem Gebiet der Wissenschaften und des Hochschulwesens. Die Partei ging davon aus, daß die besondere Stellung der DDR als hochindustrialisiertes und zugleich rohstoffarmes Land einen hohen Stand der Naturwissenschaften, vor allem der Chemie und der Technik erforderlich machte, um Erzeugnisse von höchster Qualität bereitstellen zu können. Deshalb war die Entwicklung der wissenschaftlichen und techischen Kader, besonders die Heranbildung einer neuen Intelligenz aus den Reihen der Jugend und der Aktivisten des Neuaufbaus, eine der wichtigsten Aufgaben.

Im Laufe des ersten Fünfjahrplans stieg die Zahl der Universitäten und Hochschulen in der DDR auf mehr als das Doppelte, die Zahl der Studierenden an den Fachhochschulen auf das Zweieinhalbfache. An den technischen Hochschulen waren es 1951 4238 Studierende, 1955 jedoch schon annähernd 16.000. Die Zahl der Arbeiter-und-Bauernstudenten an den Universitäten und Hochschulen stieg im Laufe des Fünfjahrplans auf das Dreifache und überschritt 1955 erstmals die 50-Prozent-Grenze. Auf Vorschlag der SED wurden neue Hochschulen geschaffen, so die Hochschulen für Elektrotechnik, Maschinenbau, Chemie, Bauwesen, Finanzwesen, Binnenhandel. Auf diese Weise wurden wesentliche Voraussetzungen geschaffen, um in wenigen Jahren eine zahlreiche qualifizierte Intelligenz für die Aufgaben des sozialistischen Aufbaus auszubilden.

Dafür waren erhebliche finanzielle Mittel nötig, die nicht für Investitionen in der Volkswirtschaft und zur Verbesserung der Lebenslage der Bevölkerung verwendet werden konnten. Insgesamt stellte die Regierung in den Jahren des ersten Fünfjahrplans 12,6 Milliarden DM für Volksbildung, Wissenschaft und Kultur zur Verfügung. Das waren Investitionen für die Zukunft, die von der weitschauenden Politik der SED zeugten.

Gleichzeitig mit der Ausbildung einer neuen Intelligenz bemühte sich die SED weiterhin, die kameradschaftliche Zusammenarbeit mit der alten Intelligenz zu festigen. Sie berücksichtigte, daß der Prozeß des Umdenkens bei den Angehörigen der alten Intelligenz kompliziert war und länger währte als bei der Mehrheit der Arbeiter und Bauern, und stellte ihnen keine weltanschaulichen und politischen Bedingungen für die Zusammenarbeit.

Während des ersten Fünfjahrplans wurden von Angehörigen der technischen und naturwissenschaftlichen Intelligenz solche bedeutenden Leistungen vollbracht wie die Entwicklung des Niederschachtofenverfahrens und die Entwicklung verschiedener Arten von Kunstfasern. Diese wissenschaftlichen Leistungen waren von unmittelbarer Bedeutung für die Vergrößerung des Außenhandels der DDR und die Erhöhung des Lebensstandards der Bevölkerung.

Von der hohen Wertschätzung der Arbeit der alten Intelligenz durch den Arbeiter-und-Bauern-Staat zeugten die alljährlichen Auszeichnungen für bedeutende wissenschaftliche Arbeiten und Erfindungen. So wurde im Dezember 1952 erstmalig der Titel "Verdienter Techniker des Volkes" an 50 hervorragende Techniker, Ingenieure und Wissenschaftler verliehen.

An den Hoch- und Fachschulen machte die Aneignung der Ergebnisse der Sowjetwissenschaft Fortschritte. Die Ausbildung im gesellschaftswissenschaftlichen Grundstudium förderte die Entwicklung der sozialistischen Weltanschauung bei der heranwachsenden Intelligenz. Gemeinsam mit progressiven Lehrkräften setzten die Arbeiter-und-Bauernstudenten neue Methoden der Studienarbeit durch. Den älteren Hochschullehrern traten junge Wissenschaftler, die nach 1945 ausgebildet worden waren, zur Seite. Forschung, Lehre und Studium fußten immer mehr auf der Grundlage des Marxismus-Leninismus. So wurde Schritt um Schritt begonnen, die sozialistische Umgestaltung des Hochschulwesens durchzusetzen. Jedoch wirkten bürgerliche Auffassungen, wie der Konkurrenzgeist und die negative Einstellung zur Planung der wissenschaftlichen Arbeit, nach wie vor bei einem Teil der Hochschullehrer weiter und blieben auch auf die Studentenschaft nicht ohne Einfluß. Andererseits gab es auch einige dogmatische Auffassungen, die die schöpferische Arbeit und den wissenschaftlichen Meinungsstreit behinderten.


Fußnoten:

1. Protokoll der Verhandlungen der II. Parteikonferenz der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, 9. bis 12. Juli 1952, Berlin 1952, S. 339.

2. W.I. Lenin: Schlußwort über den Frieden. In: Werke, Bd. 26, Berlin 1961, S. 246.

3. Protokoll der Verhandlungen der II. Parteikonferenz der SED, S. 210 u. 216.

4. Tribüne (Berlin), 7. August 1952.

5. Die Kommunistische Partei der Sowjetunion in Resolutionen und Beschlüssen der Parteitage, Konferenzen und Plenen des ZK 1898-1954. Hrsg. vom Institut für Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED, Bd. VII, Berlin 1957, S. 44 (Manuskriptdruck).

6. Neues Deutschland (B) (Berlin), 2. November 1952.