Walter Ulbricht: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung
aus: Walter Ulbricht, Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Herausgegeben zum Parteilehrjahr 1966/67 auf Beschluß des Politbüros des ZK der SED vom 5. Juli 1966, Dietz-Verlag Berlin, 1969,
Band 13, Seite 170 bis 248.
Mit Unterstützung der Arbeiterklasse und der staatlichen Organe konnten die werktätigen Bauern und Landarbeiter die landwirtschaftliche Produktion in den ersten Jahren des Fünfjahrplans weiter erhöhen. Das galt sowohl für die pflanzliche Produktion als auch für die Viehwirtschaft.
Das Anwachsen der Viehbestände hatte jedoch schon dazu geführt, daß die physische Kraft vieler werktätiger Bauern, insbesondere der Bäuerinnen, aufs äußerste beansprucht wurde. Der Anwendung der neuen Technik und der Erkenntnisse der modernen Agrarwissenschaft, die die Arbeit der Bauern erleichtern konnten, waren durch die bäuerliche Kleinproduktion Grenzen gesetzt. Da die schmalen Parzellen vieler Bauern oft weit auseinander lagen, waren die Traktoren der Maschinenausleihstationen (MAS) manchmal mehr auf den Straßen als auf den Feldern. Berechnungen ergaben, daß sich die produktive Auslastung der Traktoren beim Einsatz auf den Feldern der Einzelbauern durch das häufige Wenden, die langen Anfahrtwege usw. Um 40 Prozent verminderte. Beim Einsatz moderner Großmaschinen, wie Mähdrescher, Rüben- und Kartoffelvollerntemaschinen, auf kleinen Flächen stiegen die Selbstkosten der MAS im Vergleich zur Großflächenwirtschaft auf das Dreifache.
Der Widerspruch zwischen den modernen Produktivkräften - besonders der neuen Technik, die in den MAS konzentriert war - und der privaten Einzelwirtschaft sowie die Widerspruch zwischen dem raschen Wachstum der sozialistischen Industrie einerseits und dem Zurückbleiben der größtenteils auf individueller Kleinproduktion beruhenden Landwirtschaft andererseits mußten überwunden werden. Das konnte nur geschehen, indem die Hauptproduktionsmittel, in erster Linie der Boden, genossenschaftlich vereinigt wurden und die Arbeit gemeinsam organisiert wurde. Der freiwillige genossenschaftliche Zusammenschluß der werktätigen Bauern war der einzig mögliche Weg, um die Vorzüge der landwirtschaftlichen Großproduktion ausnutzen und die Arbeit der werktätigen Bauern erleichtern zu können. Nur dadurch konnte das Bündnis zwischen der Arbeiterklasse und der werktätigen Bauernschaft weiter gefestigt werden. Deshalb hatte die 2. Parteikonferenz der SED beschlossen, die Bewegung der fortgeschrittensten Bauern und Landarbeiter zur Bildung landwirtschaftlicher Produktionsgenossenschaften voll zu unterstützen.
Die Gewinnung der kleinen Warenproduzenten für die sozialistische Großproduktion ist - sowohl in ökonomischer als auch in politisch-ideologischer Hinsicht - die schwierigste Aufgabe, die die Arbeiterklasse nach der Errichtung der politischen Herrschaft in der Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus lösen muß. Das ist die tiefste revolutionäre Umwälzung der Lebensverhältnisse, der Anschauungen und Gewohnheiten von Millionen Menschen, die sich in einer jahrhundertelangen Entwicklung, häufig in einem erbitterten Existenzkampf, herausgebildet haben und deshalb tief verwurzelt sind.
In ihrer Politik zur sozialistischen Umgestaltung der Landwirtschaft ließ sich die SED vom Leninschen Genosssenschaftsplan leiten und wandte die Erfahrungen der Sowjetunion schöpferisch auf die Bedingungen in Deutschland an. Sie berücksichtigte, daß infolge der historischen Entwicklung in Deutschland die Traditionen des Privateigentums bei den Bauernmassen tief verwurzelt waren und daß es bei vielen werktätigen Bauern noch starke Zweifel über ihre Zukunft im Sozialismus gab. Entsprechend der Struktur der Landwirtschaft der DDR kam es darauf an, vor allem die Mittelbauern, die Hauptschicht der Bauern, für den genossenschaftlichen Weg zu gewinnen und zwischen den Großbauern zu differenzieren. Dabei mußte ständig bedacht werden, daß die sozialistische Umgestaltung der Landwirtschaft in der DDR durch das Bestehen zweier deutscher Staaten mit entgegengesetzter Gesellschaftsordnung und die offene Grenze zum imperialistischen System erschwert und kompliziert wurde. Die Hetze der Imperialisten gegen die SED und die Arbeiter-und-Bauern-Macht und ihre Lobreden auf die »freie Wirtschaft« wirkten tagtäglich auf die Bauern ein. Während die Agrarpolitik der Bundesregierung Jahr für Jahr tausende von Bauern in den Ruin trieb, spielte sich die imperialistische deutsche Bourgeoisie als »Verteidiger« der Freiheit und der Interessen der Bauern in der DDR auf. Gleichzeitig versuchten die Agenturen der imperialistischen Geheimdienste und reaktionäre Elemente auf dem Dorfe mit allen Mitteln der Lüge und Verleumdung, der Sabotage und des Terrors die sozialistische Entwicklung auf dem Lande zu verhindern.
Frühere Angehörige faschistischer und militaristischer Organisationen, wie der SA, der SS und des Stahlhelms, und reaktionäre großbäuerliche Elemente, die ihre Anweisungen häufig aus Westdeutschland und Westberlin erhielten, verübten Mordanschläge auf Funktionäre der SED und des Staatsapparates und auf Vorsitzende und Mitglieder landwirtschaftlicher Produktionsgenossenschaften. Sie steckten Scheunen in Brand, vergifteten das Vieh und machten Traktoren und Maschinen der MAS unbrauchbar. Reaktionäre Großbauern sabotierten die Pflichtablieferung und versuchten, die Einzelbauern gegen die Genossenschaften auszuspielen. Mit Schiebungen und Spekulationsgeschäften, bei denen oft ehemalige Großhändler ihre Hand im Spiel hatten, wurde die Versorgung der Bevölkerung gestört. Imperialistische Geheimdienste organisierten die Republikflucht zahlreicher Bauern, besonders von Großbauern. Diese schlachteten vorher häufig ihr Vieh ab und hinterließen ihre Wirtschaften in verwahrlostem Zustand.
Um so höher ist das Verdienst der Pioniere der Genossenschaftsbewegung einzuschätzen, die als erste den LPG beitraten. Umgeben von Zweifel, Mißtrauen und Ablehnung, gegen den offenen oder heimlichen Widerstand feindlich Gesinnter, ohne die nötigen Erfahrungen in der Leitung eines landwirtschaftlichen Großbetriebes trotzten sie allen Schwierigkeiten und brachen dem sozialistischen Fortschritt in der Landwirtschaft Bahn.
Zwei von ihnen waren Bernhard Grünert und August Rauer, beide Söhne von schlesischen Landarbeitern und bewährte Funktionäre der Arbeiterbewegung. In den zwanziger Jahren hatten sie als Landagitatoren der KPD manchen Streik der Landarbeiter gegen die Gutsbesitzer organisiert. In dem kleinen Ort Worin im Kreise Seelow hatten sie nach dem Krieg eine neue Heimat gefunden. Die Bodenreform machte sie zu Bauern. Bald gehörten sie zu den Besten. 1950 hatte Bernhard Grünert, inzwischen Bürgermeister, 30 Schweine im Stall und eine Menge Rinder. Er wollte seinen Hof verkaufen, weil er fürchtete, ein »Ausbeuter« zu werden. Der Kreissekretär der SED redete ihm das aus. Seitdem ließ Bernhard Grünert der Gedanke an die sowjetischen Kollektivwirtschaften nicht mehr los. »Sektierer« war noch die liebevollste Titulierung, die er sich dafür gefallen lassen mußte. Aber Bernhard Grünert gab nicht nach. Er brachte seine Gedanken zu Papier und redete mit August Rauer und den anderen Bauern. Mehr und mehr stimmten ihm zu. Am 27. Juni 1952 gründeten 13 Bauern in Worin die Genossenschaft »Thomas Müntzer«, eine der ersten landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften in der DDR. »Jetzt werden sie verhungern«, hieß es in den Nachbardörfern. »So etwas kann nicht in der Partei bleiben«, meinten einige Mitglieder der SED. Bald darauf tagte die 2. Parteikonferenz der SED. Viele Zweifler sahen nun, daß die Woriner zu den Pionieren des neuen Lebens im deutschen Dorf gehörten. Am 3. August war Worin vollgenossenschaftlich. Aber der Kampf begann erst jetzt. Schwer war es, Pünktlichkeit, Disziplin und Ordnung in die Genossenschaft zu bringen. Kartoffeln erfroren, Saatgut wurde verschoben. Als der RIAS über Vorstandssitzungen der LPG berichtete, ahnte Bernhard Grünert, wo der Wurm saß. Kurz darauf setzte sich ein Agent und zwei seiner Kumpane nach Westberlin ab. Die Atmosphäre war freier geworden. Ging es 1952, 1953 und 1954 noch einmal bergauf und einmal bergab, so war 1955 das Jahr des Durchbruchs. Die Arbeitseinheit konnte erstmals mit neun DM vergütet werden. Die Zeit des Sieges der Genossenschaft im ökonomischen Wettbewerb mit den Einzelbauern war gekommen.
Dem Beispiel von Bernhard Grünert und August Rauer, von Rudolf Penzel, dem Vorsitzenden der LPG Alt-Tucheband, Kreis Seelow, Walter Bosse von der LPG »Vorwärts« in Hornhausen, Kreis Oschersleben, Paul Baumann und Gustav Niks, einem Mitglied der DBD, von der LPG »Florian Geyer« Aschersleben, von Alex Müller, dem Vorsitzenden der LPG Fienstedt im Saalkreis, und der anderen Pioniere der Genossenschaftsbewegung folgten Tausende werktätiger Bauern.
Bis Ende 1952 schlossen sich 37000 werktätige Bauern, Bäuerinnen und ehemalige Landarbeiter in 1906 landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften mit einer landwirtschaftlichen Nutzfläche von über 218000 Hektar zusammen. Dieser Erfolg bewies, daß der Zeitpunkt für den Übergang zur sozialistischen Großproduktion auf dem Lande richtig gewählt worden war. Sowohl die objektiven als auch die subjektiven Voraussetzungen waren dafür herangereift.
Das Zentralkomitee der SED beschäftigte sich ständig sehr gründlich und aufmerksam mit der Entwicklung des Sozialismus auf dem Lande. Es sicherte die führende Rolle der Arbeiterklasse bei der sozialistischen Umgestaltung der Landwirtschaft, vergaß aber keinen Augenblick, daß diese tiefgreifende revolutionäre Umwälzung in erster Linie von den werktätigen Bauern selbst und unter konsequenter Beachtung des Prinzips der Freiwilligkeit durchgesetzt werden mußte. Alle grundlegenden Fragen der Entwicklung und Förderung der LPG wurden deshalb von der SED und der Regierung mit den Genossenschaftsbauern beraten und beschlossen. Die meisten Gesetze und Verordnungen, die auf diesem Gebiet erlassen wurden, beruhten auf den Beschlüssen und Vorschlägen der Konferenzen der Vorsitzenden und Aktivisten der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften.
Am 5. und 6. Dezember 1952 tagte in Berlin die erste Konferenz der Vorsitzenden und Aktivisten der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften. Sie beschloß die Musterstatuten der LPG. Diese waren auf Initiative der werktätigen Bauern von Worin (Typ I), Merxleben (Typ II) und Fienstedt (Typ III) entstanden und nach ihrer Veröffentlichung in einer umfassenden demokratischen Aussprache von den Werktätigen auf dem Lande beraten worden. Die drei Typen der LPG unterschieden sich vor allem durch den Grad der Vergesellschaftung der Produktionsmittel und den Verteilungsmodus voneinander. Im Typ I waren genossenschaftliches Eigentum: Saat- und Pflanzgut, Düngemittel und das Ernteergebnis der Feldwirtschaft; im Typ II kam das genossenschaftliche Eigentum an Maschinen, Geräten und Zugvieh hinzu; im Typ III schließlich auch die genossenschaftliche Zucht- und Nutzviehhaltung. Der Boden blieb Privateigentum und wurde nicht nationalisiert. Gleichzeitig behielten die Bauern eine persönliche Hauswirtschaft. Ein wesentliches Problem der landwirtschaftlichen Umgestaltung bestand darin, eine gleiche Stellung aller Bauern zu den Produktionsmitteln herbeizuführen und dabei dennoch die bisherigen Unterschiede in der Größe des Privateigentums zu berücksichtigen. Dieses Problem wurde so gelöst, daß das eingebrachte lebende und tote Inventar in Typ II dem Bauern von der Genossenschaft bezahlt wurde, oder es wurde, wie in Typ III, ein durchschnittlicher Inventarbeitrag festgelegt, dessen Höhe die Genossenschaft beschloß. Bei der Verteilung der für den persönlichen Verbrauch verbleibenden Einkünfte wurden sowohl Menge und Qualität des von den Mitgliedern eingebrachten Ackerlandes als auch die geleisteten Arbeitseinheiten zugrunde gelegt. In Typ I betrug der Anteil für das Ackerland bis zu 40 Prozent, in Typ III bis zu 20 Prozent.
Mit der Annahme dieser Musterstatuten, der Musterbetriebsordnung für landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften und der Musterarbeitsnormen erhielt die Genossenschaftsbewegung eine feste organisatorische Grundlage. Die Beibehaltung des bäuerlichen Privateigentums an Grund und Boden und die damit verbundene Bodenrente, die Bezahlung der eingebrachten Maschinen und Geräte sowie die Bildung von drei verschiedenen Typen landwirtschaftlicher Produktionsgenossenschaften erleichterten den Bauern den Weg zur Großproduktion und ermöglichten es ihnen, sich Schritt für Schritt von den Vorteilen der gemeinschaftlichen Arbeit und des gesellschaftlichen Eigentums zu überzeugen.
Schon nach relativ kurzer Zeit bewiesen zahlreiche Genossenschaften, wie die von Aschersleben, Fienstedt, Jahna, Schafstädt, Weißenschirmbach, Worin und viele andere, die Vorteile und die Überlegenheit der sozialistischen Großproduktion auf dem Lande. Am 13. Oktober 1953 erzielte die LPG »Florian Geyer« in Aschersleben als erste LPG der DDR eine Jahreseinnahme von über einer Million DM. Diese fortgeschrittenen Genossenschaften, in denen die Arbeit gut organisiert wurde, ihre Brigaden miteinander im Wettbewerb standen und ihre Erfahrungen austauschten, widerlegten damit in der Praxis die Behauptung des Gegners, daß die Bildung der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften zum Absinken der Erträge und zum Ruin der Landwirtschaft führen würde. Am Ende des ersten Fünfjahrplans war die durchschnittliche Produktion je Hektar in den LPG bei einem großen Teil von pflanzlichen Produkten höher als in der gesamten Landwirtschaft.
In der ersten Zeit der sozialistischen Umgestaltung der Landwirtschaft war es unter den gegebenen Bedingungen unvermeidlich, daß neben den fortgeschrittenen Genossenschaften auch wirtschaftsschwache existierten. Das war vor allem auf zwangsläufige Nachwirkungen der Schwächen der Kleinproduktion in den Genossenschaften, auf die Auswirkungen des Klassenkampfes, auf geringen Viehbestand und den Mangel an Arbeitskräften zurückzuführen. In den ersten Jahren traten in der Mehrzahl Neubauern und Landarbeiter, die wenig Vieh mitbrachten, den Genossenschaften bei, während sich die Mittelbauern, die entscheidende Schicht auf dem Dorfe, meist noch abwartend verhielten.
Die SED und die Regierung leiteten und unterstützten die sozialistische Umgestaltung der Landwirtschaft durch ein ganzes System von Maßnahmen verschiedener Art. In materieller Hinsicht bestand die wichtigste Aufgabe darin, die technische Ausrüstung der Landwirtschaft über die MAS von Jahr zu Jahr zu erhöhen. Anfang 1953 wurden die MAS zu Maschinen-Traktoren-Stationen (MTS) umgebildet. Sie wurden zu politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Zentren der Arbeiter-und-Bauern-Macht auf dem Lande, wobei die sozialistische Umgestaltung der Landwirtschaft in den Mittelpunkt ihrer Arbeit trat. Ihre Aufgabe bestand darin, die sozialistische Umgestaltung des Dorfes allseitig, das heißt auf politischem, ideologischem, produktionstechnischem, wissenschaftlichem und organisatorischem Gebiet zu fördern. Sie waren verpflichtet, alle Kräfte im MTS-Bereich dafür zu gewinnen, die Beschlüsse der SED und der Regierung für die Landwirtschaft in die Tat umzusetzen. Die MTS trugen eine hohe Verantwortung bei der produktionstechnischen Betreuung der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften, bei der Einführung sozialistischer Wirtschaftsprinzipien und neuer wissenschaftlicher Methoden in der landwirtschaftlichen Praxis und bei der Qualifizierung der werktätigen Bauern. Die MTS stellten den landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften die moderne Technik zur Verfügung und halfen ihnen bei der Verbesserung der Arbeitsorganisation, der Mechanisierung in den Viehställen und bei der Entwicklung der innergenossenschaftlichen Demokratie.
Die meisten Bauern hatten bereits als Einzelbauern die Hilfe der MAS in Anspruch genommen und konnten deshalb aus eigener Erfahrung beurteilen, daß die Beibehaltung der Maschinen-Traktoren-Stationen und ihr weiterer Ausbau ihren Interessen entsprach. Die Tatsache, daß die MAS den Bauern schon vor ihrem Eintritt in die Genossenschaften produktionstechnische Hilfe erwiesen hatten und daß der Maschinenpark der Landwirtschaft zu Beginn der sozialistischen Umgestaltung in der DDR größer war als in anderen sozialistischen Ländern, wirkte sich günstig auf die Festigung der Bündnisbeziehungen und den Eintritt der Bauern in die LPG aus. Diese Erfahrung ist für den Übergang zum Sozialismus vor allem in solchen Ländern wichtig, die infolge eines hohen Entwicklungsstandes der Industrie die Landwirtschaft schon in einem frühen Stadium der Übergangsperiode mit technischen Ausrüstungen versorgen können.
Von 1950 bis 1955 stieg der Traktorenbestand der MAS/MTS von rund 11000 auf 31000. In der gleichen Zeit erhielten sie über 2000 Mähdrescher sowie eine große Anzahl von Kartoffel- und Rübenvollerntemaschinen.
In politisch-ideologischer Hinsicht lenkte und förderte die SED die Genossenschaftsbewegung durch die Politischen Abteilungen bei den MTS und die Parteiorganisationen in den LPG, die nach der 2. Parteikonferenz gebildet wurden. Dem Beschluß des Zentralkomitees der SED über die Entsendung von Arbeitern auf das Land vom 23. April 1953 folgten Tausende Kader der Partei und der Arbeiterklasse, die als MTS-Direktoren, technische Leiter, Parteisekretäre und in anderen Funktionen tätig waren. Mit Hilfe der Gewerkschaften organisierte die SED die Patenschaftsarbeit der sozialistischen Industriebetriebe für die LPG. Ferner wurden umfangreiche Maßnahmen durchgeführt, um das System der landwirtschaftlichen Schulen und Hochschulen zu vervollkommnen, die Agrarwissenschaft und -technik zu fördern und deren Erkenntnisse in die landwirtschaftliche Praxis einzuführen. Zur Ausbildung der Kader für die sozialistische Umgestaltung der Landwirtschaft wurden im Januar 1953 das Institut für Politische Leiter bei den MTS und im August 1953 die Zentrale Hochschule für LPG-Vorsitzende in Meißen gegründet.
Bei der Entwicklung der Genossenschaftsbewegung mußte sich die Führung der SED mit Entstellungen der Bündnispolitik der Arbeiterklasse gegenüber den Bauern auseinandersetzen. Sie wies Tendenzen, die Entwicklung der LPG dem Selbstlauf zu überlassen, und Versuche der Gleichmacherei in den Genossenschaften ebenso entschieden zurück wie Erscheinungen des Bürokratismus und des Administrierens, Verletzungen des Prinzips der Freiwilligkeit, Fälle der überstürzten Bildung von LPG des Typs III oder Forderungen, die Bodenrente und die individuelle Viehhaltung in den LPG abzuschaffen.
Die SED achtete streng darauf, daß die Interessen der werktätigen Einzelbauern nicht verletzt oder ignoriert wurden. Sie betonte wiederholt mit allem Nachdruck, daß die Bündnispolitik gegenüber den Bauern sowohl die volle Unterstützung der LPG als auch die weitere Förderung der werktätigen Einzelbauern einschließt. Die MTS, erklärte Walter Ulbricht, »sind das Hauptmittel der Arbeiterklasse zur Unterstützung der Produktionsgenossenschaften und ein Instrument zur Stärkung des Bündnisses der Arbeiterklasse mit den werktätigen Bauern« (1). Auch nach dem Übergang zur genossenschaftlichen Großproduktion unterstützte der Arbeiter-und-Bauern-Staat großzügig die einzelbäuerlichen Wirtschaften und widerlegte damit durch Taten die Hetze des Gegners, der behauptete, die SED wolle die Bauern in die »Verelendung« treiben, um sie »für die Kollektivierung reif zu machen«. Im Verlaufe des ersten Fünfjahrplans verdoppelten sich die Einnahmen der werktätigen Bauern pro Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche nahezu. Die Arbeiter-und-Bauern-Macht ruinierte im Gegensatz zum Adenauer-Regime keine Bauern. Diejenigen Bauern, die unter dem Einfluß der feindlichen Hetze die Produktion sabotierten, ihren gesetzlichen Verpflichtungen nicht nachkamen, Terrorakte verübten und die Republik verließen und damit oft in Elend und Ruin gerieten, wurden in ähnlicher Weise wie Hunderttausende von Bauern in der Bundesrepublik ein Opfer der bauernfeindlichen Politik der imperialistischen Großbourgeoisie.
Während 1952 und 1953 die Zahl der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften durch den Beitritt vieler werktätiger Bauern schnell wuchs, verringerte sich 1954 und 1955 das Wachstumstempo. Die Zusammensetzung der Mitglieder der LPG veränderte sich gleichzeitig zugunsten eines hohen Anteils ehemaliger Land- und Industriearbeiter. 1954 bildeten sich in verstärktem Maße LPG aus örtlichen landwirtschaftlichen Betrieben, in denen fast ausschließlich Landarbeiter tätig waren. Durch die Übernahme von verwahrlosten Wirtschaften republikflüchtiger Großbauern war die Zunahme der von den Genossenschaften bearbeiteten landwirtschaftlichen Nutzfläche nicht mit einem entsprechenden Anwachsen des Viehbestandes verbunden. Auch die Zahl der Arbeitskräfte wuchs nicht in gleichem Tempo wie die landwirtschaftliche Nutzfläche der Genossenschaften. Von den Mitgliedern waren 1955 vor ihrem Eintritt in die LPG 49 Prozent Landarbeiter, 30 Prozent Neubauern, 9,5 Prozent Altbauern bis 20 Hektar, 6 Prozent Industriearbeiter und 5,5 Prozent Angehörige anderer sozialer Gruppen gewesen.
Die langsame Zunahme des Anteils der werktätigen Bauern war auch auf den schon erwähnten zeitweiligen Einfluß revisionistischer Tendenzen zurückzuführen. Einige Funktionäre der SED und der staatlichen Organe überließen die Entwicklung der Genossenschaftsbewegung dem Selbstlauf. Manche vertraten die Meinung, daß man sich ausschließlich auf die Festigung der bestehenden LPG konzentrieren müsse, und vernachlässigten die Gewinnung neuer werktätiger Bauern für die Genossenschaften.
Entsprechend den Beschlüssen der 2. Parteikonferenz verlangte die SED von den Großbauern die Einhaltung ihrer Verpflichtungen gegenüber dem Staat. Sie unterschied zwischen solchen Großbauern, die sich loyal verhielten, und reaktionären Elementen, die gegen die Gesetze verstießen. In der DDR wurde auch nach dem Übergang zur sozialistischen Umgestaltung der Landwirtschaft kein Kampf gegen die Großbauern als Klasse geführt. Die Staatsgewalt der Arbeiter-und-Bauern-Macht richtete sich weiterhin lediglich gegen reaktionäre kapitalistische Elemente auf dem Dorfe, die die Gesetze des Staates verletzten. Dem Imperialismus gelang es deshalb auch nicht, die Großbauern als Stütze für den Kampf gegen die Arbeiter-und-Bauern-Macht zu benutzen.
Nachdem sich der sozialistische Sektor auf dem Lande genügend gefestigt hatte, konnte bereits die III. Konferenz der Vorsitzenden und Aktivisten der LPG am 12. und 13. Dezember 1954 beschließen, daß solche Großbauern, die sich loyal zur DDR verhalten, ihren Verpflichtungen gegenüber dem Staat nachkommen und bereit sind, am sozialistischen Aufbau teilzunehmen, Mitglied von Genossenschaften werden können. Damit war auch für die Großbauern die Frage beantwortet, worin ihre Perspektive als Bauer beim Aufbau des Sozialismus besteht. Ebenso wie die werktätigen Klein- und Mittelbauern, die Genossenschaftsmitglieder wurden, erhielten sie eine Bodenrente und - bei Eintritt in die LPG Typ II und III - eine Vergütung für die eingebrachten Maschinen und Geräte. Bei der Verteilung nach eingebrachtem Boden wurde nicht der ganze Boden der in die LPG eintretenden Großbauern zugrunde gelegt, sondern lediglich der Durchschnitt des von den werktätigen Bauern eingebrachten Bodens. Das schloß aus, daß die Klassenunterschiede in den LPG fortbestanden. Die Erfahrungen lehrten, daß die Politik der SED gegenüber den Großbauern richtig war.
Von der Möglichkeit, in die LPG einzutreten, machten bis Ende 1955 etwa 2000 Großbauern Gebrauch. Die Mehrzahl von ihnen arbeitete bald ehrlich und gleichberechtigt in den Genossenschaften mit. Die SED bewies damit, daß es möglich ist, das im Kampf gegen den Imperialismus geschaffene breite Bündnis zwischen der Arbeiterklasse und Teilen der Bourgeoisie auch unter den Bedingungen eines hochentwickelten, ehemals imperialistischen Landes beim Aufbau des Sozialismus fortzuführen und diesen Schichten im Sozialismus eine Perspektive zu geben. Mit dieser schöpferischen Politik bereicherte die SED die Erfahrungen der internationalen Arbeiterbewegung.
Bis Ende 1955 schlossen sich 77392 Bauernwirtschaften in 6047 landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften - die Mehrzahl davon war Typ III - mit 196946 Mitgliedern zusammen. Sie bewirtschafteten 1279200 Hektar; das waren nahezu 20 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche der DDR.
Dank der weitschauenden, prinzipienfesten und schöpferischen Politik der SED, die von den anderen Parteien und Massenorganisationen, besonders der Demokratischen Bauernpartei Deutschlands und der VdgB (BGH), tatkräftig unterstützt wurde, gelang es dem Gegner zu keinem Zeitpunkt, das Bündnis der Arbeiterklasse mit der werktätigen Bauernschaft ernsthaft zu gefährden. Mit der sozialistischen Umgestaltung der Landwirtschaft erhielt dieses Bündnis einen neuen Charakter; es wurde ein Klassenbündnis auf sozialistischer Grundlage. Zum Hauptinhalt dieses Bündnisses wurde die Förderung der landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften. Auf dem Lande entstand allmählich die Klasse der Genossenschaftsbauern.
Fußnoten:
1. Walter Ulbricht: Die Bauernbefreiung in der Deutschen Demokratischen Republik, Bd. 1, Februar 1945 - Juni 1958, Berlin 1961, S. 304.