Karl Marx - Friedrich Engels - Werke, Band 1, S. 497 - 498
Dietz Verlag, Berlin/DDR 1976
["The New Moral World" Nr. 32 vom 3. Februar 1844]
<497> Der wohlbekannte Roman von Eugène Sue, die "Geheimnisse
von Paris", hat auf die öffentliche Meinung, ganz besonders in Deutschland,
tiefen Eindruck gemacht; die eindringliche Art, in der dieses Buch das Elend
und die Demoralisierung darstellt, die in großen Städten das Los
der "unteren Stände" sind, mußte notwendig die Aufmerksamkeit
der Öffentlichkeit auf die Lage der Armen im allgemeinen lenken. Wie
die "Allgemeine Zeitung", die deutsche "Times", schreibt, beginnen
die Deutschen zu entdecken, daß sich im Stil der Romanschriftstellerei
während der letzten zehn Jahre eine vollkommene Umwälzung vollzogen
hat; daß an die Stelle von Königen und Fürsten, die früher
die Helden solcher Erzählungen waren, jetzt die Armen getreten sind,
die verachtete Klasse, deren gute und böse Schicksale, Freuden und Leiden
zum Thema der Romanhandlung gemacht werden; sie kommen endlich dahinter,
daß diese neue Klasse von Romanschriftstellern, wie zum Beispiel G.
Sand, E. Sue und Boz <Pseudonym für Charles Dickens>, wirklich
ein Zeichen der Zeit ist. Die guten Deutschen hatten immer gedacht, daß
es Not und Elend nur in Paris und Lyon, in London und Manchester gäbe,
und daß Deutschland völlig frei sei von derartigen Auswüchsen
der Überzivilisation und des Übermaßes an Industrie. Jetzt
aber beginnen sie zu sehen, daß auch sie ein beträchtliches Maß
sozialer Leiden aufzuweisen haben; die Berliner Zeitungen gestehen, daß
das "Voigtland" ihrer Stadt in dieser Hinsicht nicht hinter St. Giles oder
sonstigen Wohnstätten der Parias der Zivilisation zurücksteht;
sie gestehen, daß zwar Gewerkschaften und Streiks bisher in Deutschland
unbekannt geblieben seien, aber Hilfe dennoch sehr notwendig wäre, um
das Auftreten ähnlicher Erscheinungen bei ihren eigenen Landsleuten
zu vermeiden, Dr. Mundt, Dozent an der <498> Berliner
Universität, hat eine Serie öffentlicher Vorlesungen über
die verschiedenen Systeme der sozialen Neugestaltung begonnen; und wenn er
auch nicht der Mann ist, sich über solche Dinge ein richtiges und
unparteiisches Urteil zu bilden, so müssen diese Vorlesungen doch sehr
förderlich sein. Man kann sich leicht vorstellen, wie günstig dieser
Zeitpunkt für den Beginn einer ausgedehnteren sozialen Agitation in
Deutschland ist, und welche Wirkung eine neue Zeitschrift haben wird, die
für durchgreifende Sozialreform eintritt. Eine solche Zeitschrift ist
in Paris unter dem Titel "Deutsch-Französische Jahrbücher"
gegründet worden; ihre Herausgeber, Dr. Ruge und Dr. Marx, gehören
ebenso wie die übrigen Mitarbeiter zu den "gelehrten Kommunisten"
Deutschlands und werden unterstützt von den angesehensten sozialistischen
Schriftstellern Frankreichs. Für die Herausgabe der Zeitschrift, die
monatlich erscheinen und französische wie deutsche Artikel enthalten
soll, hätte wahrhaftig kein günstigerer Zeitpunkt gewählt
werden können, und ihr Erfolg darf als gewiß gelten, noch ehe
die erste Nummer erscheint.
F. E.