Karl Marx / Friedrich Engels / Werke, Band 8, S. 5 - 108

Dietz Verlag, Berlin 1972 / DDR


Friedich Engels

Revolution und Konterrevolution in Deutschland Teil 1

Geschrieben August 1851 bis September 1852

Aus: "New-York Daily Tribune"

Die Überschriften sind an die 1896 von Eleanor Marx-Aveling besorgte Ausgabe in englischer Sprache angelehnt.


Kapitelübersicht Teil 1:

I. Deutschland am Vorabend der Revolution
II. Der preußische Staat
III. Die übrigen deutschen Staaten
IV. Österreich


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I. [Deutschland am Vorabend der Revolution]

Der erste Akt des revolutionären Dramas auf dem europäischen Kontinent ist zu Ende. Die "Mächte der Vergangenheit" vor dem Sturm von 1848 sind wieder die "Mächte der Gegenwart", und die mehr oder weniger populären Regenten, Triumvirn, Diktatoren, alle mit ihrem Gefolge von Abgeordneten, Zivilkommissaren, Militärkommissaren, Präfekten, Richtern, Generalen, Offizieren und Soldaten, sind an fremde Küsten verschlagen und "über See verschickt", nach England oder Amerika, um dort neue Regierungen "in partibus infidelium", europäische Komitees, Zentralkomitees, nationale Komitees zu bilden und ihr Kommen in Proklamationen anzukündigen, nicht minder feierlich als die eines weniger imaginären Potentaten.

Eine schwerere Niederlage als die, welche die Revolutionspartei - oder besser die Revolutionsparteien - auf dem Kontinent an allen Punkten der Kampflinie erlitten, ist kaum vorstellbar. Doch was will das besagen? Umfaßte nicht das Ringen des britischen Bürgertums um die soziale und politische Vorherrschaft achtundvierzig, das des französischen Bürgertums vierzig Jahre beispielloser Kämpfe? Und waren sie ihrem Triumph nicht gerade dann am nächsten, als die wiederhergestellte Monarchie sich fester im Sattel wähnte denn je? Die Zeiten jenes Aberglaubens, der Revolutionen auf die Bösartigkeit einer Handvoll Agitatoren zurückführt, sind längst vorüber. Alle Welt weiß heutzutage, daß jeder revolutionären Erschütterung ein gesellschaftliches Bedürfnis zugrunde liegen muß, dessen Befriedigung durch überlebte Einrichtungen verhindert wird. Das Bedürfnis mag noch nicht so dringend, so allgemein empfunden werden, um einen unmittelbaren Erfolg zu sichern; aber jeder Versuch einer gewaltsamen Unterdrückung wird es nur immer stärker hervortreten lassen, bis es seine Fesseln zerbricht. Sind wir also einmal geschlagen, so haben wir nichts anderes zu tun, als wieder von vorn anzufangen. Und die wahrscheinlich nur sehr kurze <6> Ruhepause, die uns zwischen dem Schluß des ersten und dem Anfang des zweiten Aktes der Bewegung vergönnt ist, gibt uns zum Glück die Zeit für ein sehr notwendiges Stück Arbeit: für die Untersuchung der Ursachen, die unweigerlich sowohl zu der letzten Erhebung wie zu ihrem Mißerfolg führten; Ursachen, die nicht in den zufälligen Bestrebungen, Talenten, Fehlern, Irrtümern oder Verrätereien einiger Führer zu suchen sind, sondern in dem allgemeinen gesellschaftlichen Zustand und in den Lebensbedingungen einer jeden, von Erschütterungen betroffenen Nation. Daß die plötzlichen Bewegungen des Februar und März 1848 nicht das Werk Einzelner waren, sondern der spontane, unwiderstehliche Ausdruck nationaler Bedürfnisse, die mehr oder weniger klar verstanden, aber sehr deutlich empfunden wurden von einer ganzen Anzahl von Klassen in allen Ländern - das ist eine allgemein anerkannte Tatsache; wenn man aber nach den Ursachen der Erfolge der Konterrevolution forscht, so erhält man von allen Seiten die bequeme Antwort, Herr X oder Bürger Y habe das Volk "verraten". Diese Antwort mag zutreffen oder auch nicht, je nach den Umständen, aber unter keinen Umständen erklärt sie auch nur das Geringste, ja sie macht nicht einmal verständlich, wie es kam, daß das "Volk" sich derart verraten ließ. Und wie jämmerlich sind die Aussichten einer politischen Partei, deren ganzes politisches Inventar in der Kenntnis der einen Tatsache besteht, daß dem Bürger Soundso nicht zu trauen ist.

Überdies ist es vom historischen Standpunkt aus von größter Bedeutung, daß sowohl die Ursachen der revolutionären Erschütterung wie die ihrer Unterdrückung untersucht und dargestellt werden. All die kleinlichen persönlichen Zänkereien und Beschuldigungen, all die einander widersprechenden Behauptungen, Marrast oder Ledru-Rollin oder Louis Blanc oder ein anderes Mitglied der Provisorischen Regierung oder alle zusammen hätten die Revolution mitten in die Klippen hineingesteuert, an denen sie scheiterte - welches Interesse können sie bieten, welches Licht auf die Ereignisse werfen für einen Amerikaner oder Engländer, der all diese verschiedenen Bewegungen aus einer Entfernung beobachtete, die zu groß ist, um ihn Einzelheiten der Vorgänge unterscheiden zu lassen? Kein vernünftiger Mensch wird jemals glauben, daß elf Männer, zumeist von recht mittelmäßiger Begabung im Guten wie im Bösen, imstande seien, im Verlauf von drei Monaten eine Nation von sechsunddreißig Millionen zugrunde zu richten, es sei denn, diese sechsunddreißig Millionen waren sich über den einzuschlagenden Weg genauso im unklaren wie jene elf. Aber wie es kam, daß diese sechsunddreißig Millionen, obwohl sie zum Teil im ungewissen herumtappten, auf einmal berufen waren, nach eigenem Gutdünken zu ent- <7> scheiden, welcher Weg beschritten werden sollte, wie sie sodann in die Irre gerieten und ihre alten Führer vorübergehend wieder die Führung erlangen durften - das ist gerade die Frage.

Wenn wir also versuchen, den Lesern der "Tribune" die Ursachen auseinanderzusetzen, die mit Notwendigkeit die Revolution von 1848 hervorriefen und ebenso unvermeidlich zu ihrer zeitweiligen Unterdrückung in den Jahren 1849 und 1850 führten, so darf man von uns nicht erwarten, daß wir eine vollständige Geschichte der Ereignisse geben, wie sie sich in Deutschland abgespielt haben. Spätere Ereignisse und das Urteil der Nachwelt werden entscheiden, was von dieser verworrenen Masse scheinbar zufälliger, zusammenhangloser und nicht miteinander vereinbarer Tatsachen bestimmt ist, in die Weltgeschichte einzugehen. Die Zeit für eine solche Aufgabe ist noch nicht gekommen; wir müssen uns in den Grenzen des Möglichen halten und uns zufriedengeben, wenn es uns gelingt, vernunftgemäße, auf unleugbaren Fakten beruhende Ursachen zu finden, die die wichtigsten Ereignisse, die entscheidenden Wendepunkte jener Bewegung erklären und uns Aufschluß über die Richtung geben, in die der nächste, vielleicht gar nicht so ferne Ausbruch das deutsche Volk lenken wird.

Zunächst, welches war der Zustand Deutschlands bei Ausbruch der Revolution?

Die Zusammensetzung der verschiedenen Klassen des Volkes, die die Grundlage eines jeden politischen Organismus bilden, war in Deutschland komplizierter als in irgend einem anderen Lande. Während in England und Frankreich eine mächtige, reiche, in großen Städten und namentlich in der Hauptstadt konzentrierte Bourgeoisie den Feudalismus völlig vernichtet oder wenigstens, wie in dem erstgenannten Lande, auf einige wenige, bedeutungslose äußere Formen reduziert hatte, war dem Feudaladel in Deutschland ein großer Teil seiner alten Privilegien erhalten geblieben. Fast überall herrschte noch das System des feudalen Grundbesitzes. Die Grundherren hatten sogar die Gerichtsbarkeit über ihren Gutsbezirk behalten. Obzwar ihrer politischen Vorrechte, des Rechtes, die Fürsten zu kontrollieren beraubt, hatten sie doch fast ihre ganzen mittelalterlichen Hoheitsrechte über die Bauernschaft ihrer Länder sowie die Steuerfreiheit bewahrt. Der Feudalismus war in manchen Gegenden mehr in Blüte als in anderen, aber außer auf dem linken Rheinufer war er nirgends völlig beseitigt. Dieser seinerzeit außerordentlich zahlreiche und zum Teil sehr reiche Feudaladel galt offiziell als der erste "Stand" im Lande. Er stellte die höheren Staatsbeamten, er besetzte fast ausschließlich die Offiziersstellen in der Armee.

Die Bourgeoisie Deutschlands war bei weitem nicht so reich und konzen- <8> triert wie die Frankreichs oder Englands. Die alten Manufakturen Deutschlands waren durch das Aufkommen der Dampfkraft und durch die sich rasch ausbreitende Vorherrschaft der englischen Industrie zugrunde gerichtet worden; die modernsten Industrien, die, unter dem napoleonischen Kontinentalsystem ins Leben gerufen, in anderen Teilen des Landes errichtet worden waren, boten keinen Ausgleich für den Verlust der alten und reichten nicht aus, um einen Kreis an der Industrie Interessierter zu bilden, der stark genug gewesen wäre, Regierungen, die jede Anhäufung nichtadeligen Reichtums und nichtadeliger Macht argwöhnisch gegenüberstanden, zur Rücksicht auf ihre Bedürfnisse zu zwingen. Während Frankreich seine Seidenindustrie siegreich über fünfzig Revolutions- und Kriegsjahre hinwegbrachte, büßte Deutschland im gleichen Zeitraum fast seine ganze alte Leinenindustrie ein. Überdies waren die deutschen Industriebezirke dünn gesät und weit verstreut, sie lagen tief im Innern des Landes, benutzen für ihre Ein- und Ausfuhr vorwiegend ausländische, holländische oder belgische Häfen und hatten daher wenig oder gar keine gemeinsame Interessen mit den großen Hafenstädten an der Nord- und Ostsee; vor allem aber waren sie außerstande, große Industrie- und Handelszentren zu bilden wie Paris und Lyon, London und Manchester. Die Rückständigkeit der deutschen Industrie hatte mannigfaltige Ursachen, aber zwei werden schon zu ihrer Erklärung genügen: die ungünstige geographische Lage des Landes, seine Entfernung vom Atlantischen Ozean, der zur großen Heerstraße des Welthandels geworden war, sowie die ständigen Kriege, in die Deutschland verwickelt war und die vom sechzehnten Jahrhundert an bis auf den heutigen Tag auf seinem Boden ausgefochten wurden. Diese zahlenmäßige Schwäche und namentlich ihre geringe Konzentration machten es der deutschen Bourgeoisie unmöglich, jene politische Machtkonzentration zu erringen, deren sich die englische Bourgeoisie seit 1688 erfreut und die die französische Bourgeoisie 1789 erobert hat. Und doch war in Deutschland der Reichtum und mit dem Reichtum die politische Bedeutung der Bourgeoisie seit 1815 in ständigem Wachstum begriffen. Die Regierungen waren gezwungen, wenn auch widerwillig, wenigstens ihren unmittelbaren materiellen Interessen Rechnung zu tragen. Man kann sogar mit Recht sagen, daß von 1815 bis 1830 und von 1832 bis 1840 jedes Stückchen an politischem Einfluß, das der Bourgeoisie in den Verfassungen der kleineren Staaten eingeräumt worden war und ihr in den erwähnten beiden Perioden politischer Reaktion wieder entrissen wurde - daß jedes derartige Stückchen durch eine Konzession praktischerer Art aufgewogen wurde. Jede politische Niederlage der Bourgeoisie zog einen Sieg auf dem Gebiet der Handelsgesetzgebung nach sich. Und sicherlich war der preußische Schutz- <9> zolltarif von 1818 und die Gründung des Zollvereins für die deutschen Kaufleute und Fabrikherren ein gut Teil mehr wert als das zweifelhafte Recht, in der Kammer des einen oder anderen Doudezstaats Ministern, die über solche Abstimmungen nur lachten, ihr Mißtrauen auszusprechen. So gelangte die Bourgeoisie mit wachsendem Reichtum und zunehmender Ausdehnung ihres Handels bald zu einem Stadium, wo sie sich in der Entfaltung ihrer wichtigsten Interessen durch die politische Verfassung des Landes gehemmt sah: durch dessen kunterbunte Zersplitterung unter sechsunddreißig Fürsten mit gegensätzlichen Bestrebungen und Launen; durch die feudalen Fesseln, die die Landwirtschaft und die mit ihr verbundenen Gewerbe beengten; durch die aufdringliche Überwachung, der eine unwissende, anmaßende Bürokratie alle ihre Geschäfte unterzog. Gleichzeitig führten die Ausdehnung und Festigung des Zollvereins, die allgemeine Einführung der Dampfkraft in den Verkehr, die wachsende Konkurrenz auf dem inneren Markt zur gegenseitigen Annäherung der kommerziellen Klassen der verschiedenen Staaten und Provinzen, zur Angleichung ihrer Interessen und Zentralisation ihrer Kraft. Die natürliche Folge war der Übergang aller dieser Elemente ins Lager der liberalen Opposition und der siegreiche Ausgang des ersten ernstlichen Kampfes der deutschen Bourgeoisie um politische Macht. Diesen Umschwung kann man von 1840 datieren, von dem Zeitpunkt, zu dem die preußische Bourgeoisie an die Spitze der Bewegung der deutschen Bourgeoisie trat. Wir werden auf diese Bewegung der liberalen Opposition von 1840 bis 1847 noch später zurückkommen.

Die große Masse der Nation, die weder dem Adel noch der Bourgeoisie angehörte, bestand in den Städten aus der Klasse der Kleinbürger und der Arbeiterschaft, auf dem Lande aus der Bauernschaft.

Die Klasse der Handwerker und Kleinhändler ist in Deutschland außerordentlich zahlreich, eine Folge des Umstands, daß die großen Kapitalisten und Industriellen als Klasse in ihrer Entwicklung gehemmt waren. In den größeren Städten bildete sie beinahe die Mehrheit der Bevölkerung, in den kleineren überwiegt sie völlig, da es dort an reicheren Mitbewerbern um den maßgebenden Einfluß fehlt. Dieses Kleinbürgertum, in jedem modernen Staat und bei allen modernen Revolutionen von höchster Bedeutung, ist besonders wichtig in Deutschland, wo es bei den jüngsten Kämpfen meist eine entscheidende Rolle gespielt hat. Seine Zwischenstellung zwischen der Klasse der größeren Kapitalisten, Kaufleute und Industriellen, der eigentlichen Bourgeoisie, und dem Proletariat oder der Arbeiterklasse ist für seinen <10> Charakter bestimmend. Es strebt nach der Stellung der Bourgeoisie, aber das geringste Mißgeschick schleudert die Angehörigen des Kleinbürgertums hinab in die Reihen des Proletariats. In monarchischen und feudalen Ländern bedarf das Kleinbürgertum, um existieren zu können, der Kundschaft des Hofes und des Adels; der Verlust dieser Kundschaft würde es zu einem großen teil zugrunde richten. In kleineren Städten bildet häufig eine Garnison, eine Kreisregierung, ein Gerichtshof und deren ganzer Anhang die Grundlage seines Wohlstands; entzieht man sie ihm, so ist es um die Krämer, Schneider, Schuhmacher, Schreiner geschehen. Das ewige Hin- und Hergerissensein zwischen der Hoffnung, in die Reihen der wohlhabenderen Klasse aufzusteigen, und der Furcht, auf das Niveau der Proletarier oder gar des Paupers hinabgedrückt zu werden; zwischen der Hoffnung, seine Interessen durch Eroberung eines Anteils an der Leitung der Staatsgeschäfte zu fördern, und der Furcht, durch ungelegene Opposition den Zorn einer Regierung zu erregen, von der seine Existenz völlig abhängt, da sie die Macht hat, ihm die besten Kunden zu entziehen; die Geringfügigkeit eines Besitzes, dessen Unsicherheit im umgekehrten Verhältnis steht zur Größe - all dies macht das Kleinbürgertum äußerst wankelmütig in seinen Anschauungen. Demütig und kriecherisch unterwürfig unter einer starken feudalen oder monarchischen Regierung, wendet es sich dem Liberalismus zu, wenn die Bourgeoisie im Aufstieg ist; sobald die Bourgeoisie ihre eigene Herrschaft gesichert hat, wird es von heftigen demokratischen Anwandlungen befallen, versinkt aber jämmerlich in Furcht und Zagen, sobald die Klasse unter ihm, das Proletariat, eine selbständige Bewegung wagt. Wir werden im weiteren sehen, wie das deutsche Kleinbürgertum abwechselnd aus dem einen dieser Stadien ins andere übergeht.

Die Arbeiterklasse Deutschlands ist in ihrer gesellschaftlichen und politischen Entwicklung ebenso weit hinter der Englands und Frankreichs zurück wie die deutsche Bourgeoisie hinter der Bourgeoisie jener Länder. Wie der Herr, so der Knecht. Die Entwicklung der Existenzbedingungen für ein zahlreiches, starkes, konzentriertes und intelligentes Proletariat geht Hand in Hand mit der Entwicklung der Existenzbedingungen für eine zahlreiche, wohlhabende, konzentrierte und mächtige Bourgeoisie. Die Arbeiterbewegung selbst ist niemals unabhängig, sie trägt niemals ausschließlich proletarischen Charakter, solange nicht alle die verschiedenen Teile der Bourgeoisie, namentlich ihr fortschrittlichster Teil, die großen Fabrikherren, die politische Macht erobert und den Staat ihren Bedürfnissen entsprechen umgestaltet haben. Dann ist der Augenblick gekommen, wo der unvermeidliche Konflikt zwischen Fabrikherren und Lohnarbeitern in drohende Nähe <11> rückt und nicht länger hinausgeschoben werden kann, der Augenblick, wo sich die Arbeiterklasse nicht länger mit trügerischen Hoffnungen und niemals erfüllbaren Versprechungen abspeisen läßt, wo endlich das große Problem des neunzehnten Jahrhunderts, die Aufhebung des Proletariats, mit voller Klarheit und in seinem wahren Lichte in den Vordergrund rückt. Nun wurde aber in Deutschland die große Masse der Arbeiterklasse nicht von jenen Industrien beschäftigt, von denen Großbritannien so prachtvolle Exemplare aufweist, sondern von kleinen Handwerksmeistern, deren ganze Arbeitsweise lediglich ein Überbleibsel aus dem Mittelalter ist. Und wie zwischen einem großen Baumwoll-Lord und einem kleinen Flickschuster oder Schneidermeister ein himmelweiter Unterschied besteht, genau so weit voraus sind die aufgeweckten Fabrikarbeiter eines modernen Babylon der Industrie den schüchternen Schneider- und Schreinergesellen eines kleinen Landstädtchens, dessen Lebensverhältnisse und Arbeitsmethoden sich von denen ihrer Zunftgenossen vor fünfhundert Jahren nur wenig unterscheiden. Die natürlichen Begleiterscheinungen des allgemeinen Fehlens moderner Lebensverhältnisse und moderner industrieller Produktionsweisen war ein fast ebenso allgemeines Fehlen moderner Ideen, und daher ist es nicht verwunderlich, wenn ein großer Teil der arbeitenden Klassen bei Ausbruch der Revolution den Ruf nach sofortiger Wiederherstellung der Zünfte und der mittelalterlichen privilegierten Handwerksinnungen erhob. Zwar bildete sich unter dem Einfluß der Industriebezirke, wo das moderne Produktionssystem vorherrschte, und infolge der Möglichkeiten gegenseitigen Verkehrs und geistiger Entwicklung, die das Wanderleben zahlreicher Arbeiter mit sich brachte, ein starker Kern von Elementen, deren Ideen über die Emanzipation ihrer Klasse bedeutend klarer waren und mit der praktischen Wirklichkeit und der historischen Notwendigkeit weit besser in Einklang standen, aber sie bildeten nur eine kleine Minderheit. Wenn die aktive Bewegung der Bourgeoisie von 1840 datiert werden kann, so nimmt die der Arbeiterklasse ihren Anfang mit den Erhebungen der schlesischen und böhmischen Fabrikarbeiter im Jahre 1844, und wir werden bald Gelegenheit haben, einen Überblick zu gewinnen über die verschiedenen Stadien, die diese Bewegung durchlief.

Schließlich gab es noch eine große Klasse der kleinen Landwirte, die Bauernschaft, die mit ihrem Anhang von Landarbeitern die große Mehrheit des ganzen Volkes darstellt. Aber diese Klasse zerfiel wieder in verschiedene Schichten. Da waren, erstens, die wohlhabenderen Landwirte, die in Deutschland als Groß- oder Mittelbauern bezeichnet werden, die Eigen- <12> tümer mehr oder weniger umfangreicher Wirtschaften sind und von denen jeder über die Dienste mehrerer Landarbeiter verfügt. Für diese Klasse, die zwischen den steuerfreien feudalen Grundherren einerseits, den Kleinbauern und Landarbeitern andererseits stand, war aus leicht begreiflichen Gründen ein Bündnis mit der antifeudalen städtischen Bourgeoisie die natürlichste Politik, dann gab es, zweitens die freien Kleinbauern, die im Rheinland vorherrschten, wo der Feudalismus den wuchtigen Schlägen der großen französischen Revolution erlegen war. Ähnliche unabhängige Kleinbauern gab es auch da und dort in anderen Provinzen, wo es ihnen gelungen war, die feudalen Lasten, die ehedem auf ihren Grundstücken ruhten, mit Geld abzulösen. Diese Klasse war jedoch nur dem Namen nach eine Klasse von freien Bauern, da ihre Wirtschaft gewöhnlich in so hohem Grade und unter so drückenden Bedingungen mit Hypotheken belastet war, daß nicht der Bauer, sondern der Wucherer, der das Geld vorgestreckt, der wirkliche Eigentümer des Landes war. Drittens, die feudalen Hintersassen, die nicht leicht von ihrem Stück Land vertrieben werden konnten, die aber eine ewige Pacht zu entrichten oder auf ewig eine gewisse Menge Arbeit für den Grundherrn zu leisten hatten. Endlich die Landarbeiter, deren Lage auf vielen großen Gütern genau die gleiche war wie die derselben Klasse in England und die ausnahmslos als arme, unterernährte Sklaven ihrer Herrn lebten und starben. Die drei letztgenannten Klassen der Landbevölkerung, die freien Kleinbauern, die feudalen Hintersassen und die Landarbeiter, hatten sich vor der Revolution über Politik nie viel Kopfzerbrechen gemacht; aber es ist ohne weiteres klar, daß dieses Ereignis ihnen einen neuen Weg voll der glänzendsten Aussichten eröffnen mußte. Ihnen allen bot die Revolution Vorteile, und war die Bewegung erst einmal ordentlich im Gange, so stand zu erwarten, daß sich ihr der Reihe nach alle anschließen würden. Gleichzeitig ist aber ebenso klar und durch die Geschichte aller modernen Länder gleichermaßen bestätigt, daß die Landbevölkerung niemals selbständig eine erfolgreiche Bewegung zustande bringen kann; denn sie ist über ein zu großes Gebiet verstreut, und hält es schwer, unter einem erheblicheren Teil eine Verständigung zu erzielen; den Anstoß muß ihr die Initiative der aufgeweckteren und beweglicheren Bevölkerung geben, die in den Städten konzentriert ist.

Die vorstehende gedrängte Skizze der wichtigsten Klassen, aus denen sich bei Ausbruch der jüngsten Bewegung die deutsche Nation zusammensetzte, wird bereits genügen, um den Mangel an äußerem Zusammenhang und innerer Übereinstimmung sowie die offensichtlichen Widersprüche, die dieser Bewegung das Gepräge gaben, zu einem großen Teil zu erklären. <13> Wenn so verschiedenartige, so gegensätzliche, so merkwürdig sich durchkreuzende Interessen heftig aufeinanderprallen; wenn diese sich gegenseitig bekämpfenden Interessen in jedem Bezirk, in jeder Provinz verschieden gemischt sind, wenn es vor allem kein großes Zentrum im Land gibt, kein London, kein Paris, dessen Entscheidung so viel Gewicht hat, daß nicht der gleiche Zwist in jeder Gegend immer wieder von neuem durchgefochten zu werden braucht: was kann man dann anders erwarten, als daß der Kampf sich in eine Menge unzusammenhängender Einzelkämpfe auflöst, in denen ungeheuer viel Blut, Energie und Kapital aufgewendet wird und die trotz alledem ohne ein entscheidendes Ergebnis bleiben?

Die politische Zerstückelung Deutschlands in drei Dutzend mehr oder weniger bedeutende Fürstentümer erklärt sich gleichfalls aus der Vielfalt und Verworrenheit der Elemente, aus denen sich die Nation zusammensetzt und die wiederum in jeder Gegend verschieden sind. Wo es keine Gemeinsamkeit der Interessen gibt, da kann es auch keine Gemeinsamkeit der Ziele, geschweige des Handelns geben. Der Deutsche Bund ist allerdings auf ewige Zeit für unauflösbar erklärt worden; und doch haben der Bund und sein Organ, der Bundestag, niemals die deutsche Einheit repräsentiert. Das Höchstmaß von Zentralisation, zu dem man es in Deutschland je gebracht hat, war die Gründung des Zollvereins; dadurch sahen sich auch die Staaten an der Nordsee gezwungen, eine eigene Zollvereinigung zu bilden, während Österreich sich auch weiterhin hinter seiner besonderen Zollmauer verschanzte. Deutschland konnte zufrieden sein, daß es für alle praktischen Zwecke nur mehr in drei selbständige Mächte zerfiel, statt wie vorher in sechsunddreißig. An der aus dem Jahr 1814 stammenden unumschränkte Oberhoheit des russischen Zaren änderte sich dadurch natürlich nichts.

Nachdem wir einleitend diese Schlußfolgerungen aus unsern Prämissen gezogen, werden wir zunächst untersuchen, wie die erwähnten verschiedenen Klassen des deutschen Volkes eine nach der andren in Bewegung kamen und welchen Charakter die Bewegung nach dem Ausbruch der französischen Revolution von 1848 annahm.

London, September 1851

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II. [Der preußische Staat]

Die politische Bewegung der Mittelklasse oder Bourgeoisie in Deutschland kann vom Jahre 1840 datiert werden. Ihr gingen Anzeichen voraus, die zeigten, daß die kapitalbesitzende und industrielle Klasse dieses Landes zu einem Zustand heranreifte, der ihr nicht länger gestattete, den Druck eines halbfeudalen, halbbürokratischen monarchischen Regimes apathisch und passiv hinzunehmen. Die kleineren deutschen Fürsten gewährten einer nach dem anderen Verfassungen von mehr oder weniger liberalem Charakter, teils um sich größere Unabhängigkeit gegenüber der Vormachtstellung Österreichs und Preußens oder gegenüber dem Einfluß des Adels in ihren eigenen Staaten zu sichern, teils um die zusammenhanglosen Provinzen, die der Wiener Kongreß unter ihrer Herrschaft vereinigt hatte, zu einem einheitlichen Ganzen zusammenzufassen. Sie konnten das tun, ohne selbst Gefahr zu laufen; denn wenn der Bundestag, diese Marionette in den Händen Österreichs und Preußens, ihre Unabhängigkeit als souveräne Fürsten anzutasten versuchte, konnten sie sicher sein, daß ihren Widerstand gegen jedes diktatorische Eingreifen die öffentliche Meinung und die Kammern unterstützen würden; und wenn umgekehrt die Kammern zu stark wurden, konnten sie ohne weiteres über die Macht des Bundestages verfügen, um jede Opposition zu brechen. Die verfassungsmäßigen Einrichtungen in Bayern, Württemberg, Baden oder Hannover konnten unter solchen Umständen keinen ernstlichen Kampf um die politische Macht hervorrufen, und daher hielt sich die deutsche Bourgeoisie in ihrer großen Mehrheit von dem kleinlichen Gezänk in den Parlamenten der Kleinstaaten fern, denn sie wußte sehr wohl, daß ohne grundlegende Änderungen in der Politik und Verfassung der beiden deutschen Großmächte alle Kämpfe und Siege von zweitrangiger Bedeutung zwecklos sein würden. Gleichzeitig kam aber in diesen kleinen Parlamenten eine Art liberaler Advokaten auf, die berufsmäßig Opposition machten: die Rotteck, <15> Welcker, Römer, Jordan, Stüve, Eisenmann, jene großen "Volksmänner", die nach zwanzig Jahren mehr oder minder lärmender, immer aber erfolgloser Opposition durch die revolutionäre Sturmflut von 1848 auf den Gipfel der Macht getragen, sich, nachdem sie dort ihre völlige Unfähigkeit und Nichtigkeit gezeigt, rasch wieder ins Nichts zurückgeschleudert sahen. Diese ersten Exemplare von Geschäftspolitikern und Berufsoppositionellen in Deutschland gewöhnten das deutsche Ohr durch ihre Reden und Schriften an die Sprache des Konstitutionalismus und verkündeten durch ihre bloße Existenz das Nahen einer Zeit, in der die Bourgeoisie die politischen Phrasen, mit denen diese geschwätzigen Advokaten und Professoren um sich zu werfen pflegten, ohne ihren ursprünglichen Sinn groß zu verstehen, aufgreifen und ihnen damit ihre eigentliche Bedeutung zurückgeben würde.

Auch die deutsche Literatur konnte sich dem Einfluß der politischen Erregung nicht entziehen, in die ganz Europa durch die Ereignisse des Jahres 1830 versetzt worden war. Ein grobschlächtiger Konstitutionalismus und ein noch gröberer Republikanismus wurden von fast allen Schriftstellern jener Zeit gepredigt. Immer mehr wurde es zur Gewohnheit, besonders unter den minderwertigen Literaten, den Mangel an Geist in ihren Werken durch politische Anspielungen wettzumachen, die bestimmt Aufsehen erregten. Gedichte, Romane, Rezensionen, Dramen, kurz, die ganze literarische Produktion strotzte nur so von dem, was man "Tendenz" nannte, das heißt von mehr oder weniger schüchternen Äußerungen oppositioneller Gesinnung. Um die in Deutschland nach 1830 herrschende Verwirrung der Ideen vollständig zu machen, vermengten sich mit diesen Elementen politischer Opposition halbverdaute Universitätserinnerungen an die deutsche Philosophie und mißverstandene Brocken von französischem Sozialismus, namentlich Saint-Simonismus, und die Clique von Schriftstellern, die sich des langen und breiten über dieses heterogene Konglomerat von Ideen erging, nannte sich anmaßend Junges Deutschland oder die Moderne Schule. Sie haben seither ihre Jugendsünden bereut, aber ihren Stil nicht verbessert.

Endlich hatte sich auch die deutsche Philosophie, dieses komplizierteste, gleichzeitig aber auch zuverlässigste Thermometer der Entwicklung des deutschen Geistes, auf die Seite der deutschen Bourgeoisie gestellt, als nämlich Hegel in seiner "Philosophie des Rechts" die konstitutionelle Monarchie als die höchste, vollkommenste Regierungsform bezeichnete. Mit anderen Worten, er kündigte den bevorstehenden Aufstieg der deutschen Bourgeoisie zur politischen Macht an. Nach seinem Tode blieb seine Schule dabei nicht <16> stehen. Während der fortgeschrittenere Teil seiner Anhänger einerseits jeden religiösen Glauben der Feuerprobe einer strengen Kritik unterzog und das altehrwürdige Gebäude des Christentums bis auf die Grundfesten erschütterte, entwickelte er andererseits politische Auffassungen, wie sie kühner bisher deutsche Ohren noch nie zu hören bekommen, und versuchte, das Andenken an die Helden der ersten französischen Revolution wieder zu Ehren zu bringen. Wenn aber die abstruse philosophische Sprache, in die diese Ideen gekleidet waren, den Geist des Autors wie den des Lesers umnebelte, so blendete sie nicht minder die Augen des Zensors, und so kam es, das die Junghegelianer sich einer Pressefreiheit erfreuten, wie kein anderer Zweig der Literatur sie kannte.

Somit war klar, das in der öffentlichen Meinung in Deutschland eine große Wandlung im Gange war. Nach und nach schloß sich die große Mehrheit jener Klassen, die dank ihrer Bildung oder Lebensstellung auch unter einer absoluten Monarchie die Möglichkeit hatten, einiges an politischen Kenntnissen zu erwerben und sich eine einigermaßen selbständige politische Meinung zu bilden, zu einer einzigen, machtvollen Phalanx der Opposition gegen die bestehende Ordnung zusammen. Und wenn man über die Langsamkeit der politischen Entwicklung in Deutschland urteilt, darf man keinesfalls die Schwierigkeiten außer Betracht lassen, sich über eine beliebige Frage richtige Informationen zu verschaffen in einem Lande, wo die Nachrichtenquellen der Kontrolle der Regierung unterstehen und wo nirgends, von der Dorf- oder Sonntagsschule bis zur Zeitung oder Universität, etwas gesagt, gelehrt, gedruckt oder veröffentlicht wird ohne die vorherige Genehmigung der Regierung. Nehmen wir z. B. Wien. Die Bevölkerung Wiens, die an Gewerbefleiß und Arbeitsfertigkeit vielleicht hinter keiner anderen in Deutschland zurücksteht, die an Geist, Mut und revolutionärer Energie sich jeder anderen weit überlegen erwiesen, kannte sich dennoch in ihren wirklichen Interessen weniger aus und beging während der Revolution mehr Fehler als irgendeine andere, und daran war größtenteils die fast völlige Unwissenheit in bezug auf die allereinfachsten politischen Fragen schuld, in der die Metternich-Regierung sie zu halten vermochte.

Es bedarf keiner weiteren Erklärung, warum unter einem solchen System die politische Information das fast ausschließliche Monopol solcher Gesellschaftsklassen war, die es sich leisten konnten, ihre Einschmuggelung in das Land zu bezahlen, ganz besonders aber jener deren Interessen durch die bestehenden Verhältnisse am schwersten betroffen wurden, nämlich der industriellen und kommerziellen Klassen. Sie waren daher die ersten, die sich als Masse gegen den Fortbestand eines mehr oder minder verhüllten <17> Absolutismus zusammenschlossen, und von dem Augenblick ihres Übergangs in die Reihen der Opposition muß man den Beginn der wirklich revolutionären Bewegung in Deutschland rechnen.

Als Zeitpunkt der offen proklamierten Opposition der deutschen Bourgeoisie kann man das Jahr 1840 betrachten, das Todesjahr des Vorgängers des jetzigen Königs von Preußen, des letzten damals überlebenden Gründers der Heiligen Allianz von 1815. Vom neuen König war bekannt, daß er kein Freund der vorwiegend bürokratischen Militärmonarchie seines Vaters sei. Was die französische Bourgeoisie von der Thronbesteigung Ludwigs XVI. erwartet hatte, das erhoffte sich die deutsche Bourgeoisie bis zu einem gewissen Grade von Friedrich Wilhelm IV. von Preußen. Man war sich auf allen Seiten darüber einig, daß das alte System überlebt und bankrott sei, daß es aufgegeben werden müsse, und was man unter dem alten König schweigend ertragen, wurde jetzt laut als unerträglich proklamiert.

Aber wenn Ludwig XVI., "Louis le Désiré", ein einfacher anspruchsloser Trottel gewesen, seiner eigenen Nichtigkeit halb bewußt, ohne feste Ideen, in der Hauptsache gelenkt von den Gewohnheiten, die er während seiner Erziehung erworben, war "Friedrich Wilhelm le Désiré" ganz anderer Art. Während er sein französisches Vorbild an Charakterschwäche zweifellos übertraf, mangelte es ihm weder an Prätentionen noch an Ideen. Auf Dilettantenart hatte er sich mit den Anfangsgründen der meisten Wissenschaften vertraut gemacht und hielt sich daher für gelehrt genug, um über jede Frage das entscheidende Urteil abzugeben. Er war überzeugt, ein Redner ersten Ranges zu sein, und sicherlich gab es keinen Handlungsreisenden in Berlin, der es an langatmiger Fülle vermeintlichen Witzes und Zungenfertigkeit mit ihm aufnehmen konnte. Und vor allem, er hatte seine Ideen. Er haßte und verachtete das bürokratische Element der preußischen Monarchie, aber nur, weil alle seine Sympathien dem feudalen Element gehörten. Als einer der Gründer und Hauptmitarbeiter des "Berliner politischen Wochenblatts", der sogenannten Historischen Schule (einer Schule, die von den Ideen Bonalds, de Maistres und anderer literarischer Vertreter der ersten Generation der französischen Legitimisten zehrte), war er bestrebt, die beherrschende soziale Stellung des Adels so vollständig als möglich wiederherzustellen. Der König, der erste Edelmann seines Reiches, umgeben in erster Linie von einem glanzvollen Hofstaat mächtiger Vasallen, Fürsten Herzöge und Grafen, in der zweiten Linie von einem zahlreichen, begüterten niederen Adel, nach Gutdünken herrschend über seine getreuen Bürger und Bauern und auf diese <18> Weise das Haupt einer vollständigen Hierarchie sozialer Abstufungen oder Kasten, deren jede sich ihrer besonderen Privilegien erfreuen und von allen anderen durch die fast unübersteigbare Schranke der Geburt oder einer unabänderlich festgelegten sozialen Stellung getrennt sein sollte, wobei alle diese Kasten oder "Reichsstände" einander an Macht und Einfluß so trefflich die Waage zu halten hätten, daß dem König volle Handlungsfreiheit verbliebe - das war das beau idéal, das Friedrich Wilhelm IV. zu verwirklichen sich vorgenommen und das er gegenwärtig erneut zu verwirklichen strebt.

Es dauerte einige Zeit, bis die in theoretischen Fragen nicht sonderlich beschlagene preußische Bourgeoisie hinter den wirklichen Sinn der Absichten ihres Königs kam. Was sie aber sehr bald herausfand, war die Tatsache, daß er zu Dingen entschlossen war, die ihren Wünschen schnurstracks entgegengesetzt waren. Kaum war das Mundwerk des neuen Königs durch den Tod seines Vaters entfesselt, da fing er auch schon an, seine Absichten in Reden sonder Zahl kundzutun, und jede seiner Reden, jede seiner Handlungen war dazu angetan, ihm die Sympathien der Bourgeoisie noch mehr zu entfremden. Das hätte ihm wenig verschlagen, hätte es nicht einige harte, beunruhigende Tatsachen gegeben, die ihn in seinen poetischen Träumen störten. Ach, warum versteht sich die Romantik so schlecht aufs Rechnen, und warum macht der Feudalismus seit Don Quijote immer die Rechnung ohne den Wirt? Friedrich Wilhelm IV. hatte zu viel von jener Verachtung für bares Geld an sich, die seit jeher das vornehmste Erbe der Söhne der Kreuzfahrer gewesen ist. Er fand bei seiner Thronbesteigung ein wenn auch knauserig eingerichtetes, so doch kostspieliges Regierungssystem und einen mäßig gefüllten Staatsschatz vor. Innerhalb zweier Jahre war jede Spur eines Überschusses für höfische Feste, königliche Reisen, reiche Schenkungen, Unterstützungen an hungernde und lungernde, gierige und schmierige Adelige usw. vertan, und die regelmäßigen Steuereingänge reichten nicht mehr für die Bedürfnisse des Hofes noch die des Staates. Und so befand sich Seine Majestät sehr bald in der Klemme zwischen einem gähnenden Defizit auf der einen und einem Gesetz aus dem Jahre 1820 auf der anderen Seite, das jede neue Anleihe und jede Erhöhung der bestehenden Steuern ohne Zustimmung der "künftigen Volksvertretung" für ungesetzlich erklärte. Diese Volksvertretung existierte nicht; der neue König war noch weniger als selbst sein Vater geneigt, sie zu schaffen, und wenn er es gewesen wäre, so wußte er, daß die öffentliche Meinung seit seinem Regierungsantritt sich erstaunlich gewandelt hatte.

In der Tat, die Bourgeoisie, die zum Teil erwartet hatte, der neue König <19> werde sofort eine Verfassung gewähren, Pressefreiheit proklamieren, Schwurgerichte einführen usw. usf., kurz, sich selbst an die Spitze jener friedlichen Revolution stellen, die sie brauchte, um die politische Macht zu erlangen - die Bourgeoisie hatte ihren Irrtum erkannt und sich wütend gegen den König gewandt. In der Rheinprovinz und mehr oder minder in ganz Preußen war sie so erbittert, daß sie sich in der Ermangelung genügender eigener Leute, die fähig waren, sie in der Presse zu vertreten, bis zu einem Bündnis mit jener extremen philosophischen Richtung verstieg, von der wir oben gesprochen. Die Frucht dieses Bündnisses war die "Rheinische Zeitung" in Köln, ein Blatt, das nach fünfzehnmonatigem Bestehen unterdrückt wurde, von dem man aber den Beginn des modernen Zeitungswesens datieren kann. Das war im Jahre 1842.

Der arme König, dessen geschäftliche Schwierigkeiten die schärfste Satire auf seine mittelalterlichen Neigungen waren, fand sehr bald heraus, daß er nicht weiter regieren könne, wenn er sich nicht zu einem geringfügigen Zugeständnis an die allgemeine laute Forderung nach jener "Volksvertretung" verstand, die als letzter Rest der längst vergessenen Versprechungen von 1813 und 1815 in dem Gesetz von 1820 Ausdruck gefunden hatte. Diesem lästigen Gesetz zu genügen, indem er die ständischen Ausschüsse der Provinziallandtage zusammenberief, hielt er für den annehmbarsten Weg. Die Einrichtung der Provinziallandtage stammte aus dem Jahre 1823. Sie waren in allen acht Provinzen des Königreiches zusammengesetzt: 1. aus dem Hochadel, den ehemals regierenden Häusern des deutschen Reiches, deren Häupter von Geburt Mitglieder des Landtages waren; 2. aus den Vertretern der Ritterschaft oder des niederen Adels; 3. aus Vertretern der Städte und 4. aus Abgeordneten der Bauernschaft oder der Klasse der kleinen Landwirte. Das Ganze war so eingerichtet, daß in jeder Provinz die beiden Gruppen des Adels immer die Mehrheit im Landtag hatten. Jeder dieser acht Provinziallandtage wählte einen Ausschuß, und diese acht Ausschüsse wurden nun nach Berlin berufen, um eine Volksvertretung zu bilden, die die so heiß begehrte Anleihe bewilligen sollte. Man erklärte, die Staatskasse sei gefüllt und die Anleihe werde nicht zur Deckung laufender Ausgaben benötigt, sondern für den Bau einer Staatseisenbahn. Doch die Vereinigten Ausschüsse antworteten dem König mit einer glatten Ablehnung, indem sie erklärten, sie seien nicht befugt als Vertreter des Volkes zu handeln, und sie forderten Seine Majestät auf, das Versprechen einer Repräsentativverfassung einzulösen, das sein Vater gegeben, als er der Hilfe des Volkes gegen Napoleon bedurfte.

Die Tagung der Vereinigten Ausschüsse bewies, daß der oppositionelle Geist sich nicht mehr auf die Bourgeoisie beschränkte. Ein Teil der Bauern- <20> schaft hatte sich ihr angeschlossen und viele Adlige, die auf ihren eigenen Gütern selbst Großwirtschaft betrieben und mit Getreide, Wolle, Spiritus und Flachs handelten, hatten sich gleichfalls gegen die Regierung und für die Repräsentativverfassung ausgesprochen, da auch sie Garantien gegen den Absolutismus, die Bürokratie und die Restauration des Feudalsystems brauchten. Der Plan des Königs war völlig gescheitert; er hatte kein Geld bekommen und den Einfluß der Opposition gestärkt. Die folgende Tagung der Provinziallandtage selbst verlief noch unglücklicher für den König. Alle forderten sie Reformen, Erfüllung der Versprechungen von 1813 und 1815, eine Verfassung und Pressefreiheit; die diesbezüglichen Resolutionen einiger von ihnen führten eine recht respektlose Sprache, und die übellaunigen Antworten des aufgebrachten Königs machten den Schaden noch größer.

Mittlerweile steigerten sich die finanziellen Schwierigkeiten der Regierung immer mehr. Durch widerrechtliche Verwendung von Mitteln, die für verschiedene öffentliche Einrichtungen bestimmt waren, und durch betrügerische Manipulationen mit der "Seehandlung", einem kommerziellen Unternehmen, das auf Rechnung und Gefahr des Staates spekulierte und Handel trieb und für ihn seit langem als Geldmakler tätig war, gelang es eine Zeitlang, den Schein zu wahren; vermehrte Emissionen von staatlichem Papiergeld lieferten gleichfalls einige Mittel; und alles in allem wurde das Geheimnis recht gut gehütet. Aber diese Kunstgriffe waren bald alle erschöpft. Jetzt versuchte man es mit einem anderen Plan: der Gründung einer Bank, deren Kapital teils der Staat, teils private Aktionäre aufbringen sollten; die oberste Leitung sollte in den Händen des Staates liegen, um so der Regierung die Möglichkeit zu verschaffen, der Bank hohe Beträge zu entziehen und so die gleichen betrügerischen Manipulationen zu wiederholen, die mit der "Seehandlung" nicht länger möglich waren. Aber natürlich waren keine Kapitalisten zu finden, die ihr Geld unter solchen Bedingungen hergeben wollten; die Statuten der Bank mußten geändert und das Eigentum der Aktionäre gegen Übergriffe des Finanzministers gesichert werden, ehe Aktien gezeichnet wurden. Nachdem dieser Plan gescheitert war, blieb somit nichts anderes übrig, als es mit einer Anleihe zu versuchen - wenn Kapitalisten zu finden waren, die ihr Geld herliehen, ohne die Bewilligung und Garantie jener geheimnisvollen "künftigen Volksvertretung" zu verlangen. Man wandte sich an Rothschild, und der erklärte, wenn diese "Volksvertretung" die Anleihe garantiere, übernehme er sie auf der Stelle; wenn nicht, wolle er mit dem Geschäft nichts zu tun haben.

So war jede Hoffnung, Geld zu erhalten, geschwunden, und es bestand keine Möglichkeit, der fatalen "Volksvertretung" zu entrinnen. Rothschilds <21> Absage wurde im Herbst 1846 bekannt, und im Februar des nächsten Jahres berief der König alle acht Provinziallandtage nach Berlin, um aus ihnen einen "Vereinigten Landtag" zu bilden. Dieser Landtag sollte die Aufgabe bewältigen, die in dem Gesetz von 1820 für den Notfall vorgesehen war; er sollte Anleihen und erhöhte Steuern bewilligen, darüber hinaus aber keine Rechte haben. An der Gesetzgebung im allgemeinen sollte er nur beratend mitwirken; zusammentreten sollte er nicht in regelmäßigen Zeitabständen, sondern nur, wenn der König es für gut befand; diskutieren sollte er nur über Fragen, die ihm die Regierung vorzulegen geruhte. Natürlich waren die Mitglieder von der ihnen zugedachten Rolle wenig erbaut. Sie wiederholten die Wünsche, die sie bereits auf den Tagungen der Provinziallandtage bekanntgegeben hatten; ihre Beziehungen mit der Regierung spitzten sich bald heftig zu, und als man von ihnen die wieder mit der angeblichen Notwendigkeit von Eisenbahnbauten begründete Anleihe forderte, lehnten sie die Bewilligung abermals ab.

Diese Abstimmung bereitete ihrer Tagung bald ein Ende. Immer mehr erbittert, schickte sie der König mit einem Tadel nach Hause, blieb aber nach wie vor ohne Geld. Und in der Tat hatte er alle Ursache, über seine Lage beunruhigt zu sein, wenn er sah, daß die liberale Partei, die unter Führung der Bourgeoisie stand, einen großen Teil des niederen Adels und alle die vielen Unzufriedenen umfaßte, die sich in den verschiedenen Teilen der unteren Schichten angesammelt -, daß diese liberale Partei entschlossen war, ihre Forderungen durchzusetzen. Vergeblich hatte der König in seiner Eröffnungsrede erklärt, er werde niemals eine Verfassung im modernen Sinne des Wortes gewähren; die liberale Partei bestand auf einer solchen modernen, antifeudalen Repräsentativverfassung mit allen ihren Konsequenzen: Pressefreiheit, Schwurgerichte usw. Und bevor sie die nicht erhielt - nicht einen Groschen würde sie bewilligen. Eines war klar: lange konnten die Dinge so nicht weitergehen; entweder mußte eine der beiden Seiten nachgeben, oder es mußte zum Bruch, zum blutigen Kampfe kommen. Und die Bourgeoisie wußte, daß sie am Vorabend einer blutigen Revolution stand, und sie bereitete sich darauf vor. Sie war auf jede erdenkliche Weise bemüht, sich die Unterstützung der Arbeiterklasse in den Städten und der Bauernschaft auf dem Lande zu verschaffen, und bekanntlich gab es gegen Ende des Jahres 1847 kaum einen einzigen namhaften Politiker aus der Bourgeoisie, de sich nicht als "Sozialist" ausgab, um sich die Sympathien des Proletariats zu sichern. Wir werden diese "Sozialisten" bald am Werke sehen.

Der Eifer, mit dem sich die tonangebende Bourgeoisie wenigstens äußerlich den Anschein des Sozialismus gab, war die Folge einer großen Ver- <22> änderung, die in der arbeitenden Klasse Deutschlands vor sich gegangen war. Ein Teil der deutschen Arbeiter hatte seit 1840 auf Wanderschaft in Frankreich und der Schweiz mehr oder minder die noch recht groben sozialistischen und kommunistischen Ideen in sich aufgenommen, die damals unter den französischen Arbeitern im Schwange waren. Die zunehmende Beachtung, die derlei Ideen seit 1840 in Frankreich gezollt wurde, brachten Sozialismus und Kommunismus auch in Deutschland in Mode, und schon ab 1843 waren alle Zeitungen voll von Erörterungen über soziale Fragen. Sehr bald bildete sich in Deutschland eine Schule von Sozialisten, die sich mehr durch die Unklarheit als durch die Neuheit ihrer Ideen auszeichnete. Ihre Tätigkeit bestand hauptsächlich darin, die Lehren von Fourier, Saint-Simon und anderen Franzosen in die abstruse Sprache der deutschen Philosophie zu übertragen. Die Schule der deutschen Kommunisten, die grundverschieden ist von dieser Schule, bildete sich ungefähr um dieselbe Zeit.

1844 kam es zu den Aufständen der schlesischen Weber, gefolgt von der Erhebung der Kattundrucker in Prag. Diese Unruhen, die blutig unterdrückt wurden, Erhebungen von Arbeitern, die sich nicht gegen die Regierung, sondern gegen die Unternehmer richteten, machten tiefen Eindruck und gaben der sozialistischen und kommunistischen Propaganda unter den Arbeitern neuen Antrieb. Die gleiche Wirkung hatten die Brotkrawalle im Hungerjahr 1847. Kurz, ebenso wie die konstitutionelle Opposition die große Masse der besitzenden Klasse (mit Ausnahme der großen feudalen Grundbesitzer) um ihr Banner scharte, so erwartete die Arbeiterklasse der größeren Städte ihre Befreiung von den sozialistischen und kommunistischen Lehren, obgleich man ihr unter der Herrschaft der damaligen Pressegesetze nur sehr wenig darüber vermitteln konnte. Sonderlich klare Vorstellungen über ihre Ziele durfte man von den Arbeitern nicht erwarten; sie wußten nur, daß das Programm der konstitutionellen Bourgeoisie nicht alles enthielt, was sie brauchten, und daß ihre Bedürfnisse in dem konstitutionellen Ideenkreis überhaupt nicht enthalten waren.

Eine besondere republikanische Partei gab es damals nicht in Deutschland. Die Leute waren entweder konstitutionelle Monarchisten oder mehr oder weniger ausgesprochene Sozialisten oder Kommunisten.

Unter solchen Voraussetzungen mußte der geringste Zusammenstoß zu einer großen Revolution führen. Während der höhere Adel und die älteren Beamten und Offiziere die einzig sichere Stütze der bestehenden Ordnung bildeten; während der niedere Adel, die industrielle und kommerzielle Bourgeoisie, die Universitäten, die Lehrer jeglichen Ausbildungsgrades und selbst die unteren Ränge der Bürokratie und der Offiziere sich alle gegen die <23>Regierung zusammenschlossen; während hinter ihnen die unzufriedenen Massen der Bauernschaft und der Proletarier der großen Städte standen, die zwar vorläufig noch die liberale Opposition unterstützten, aber bereits befremdliche Andeutungen laut werden ließen von der Absicht, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen; während die Bourgeoisie bereit war, die Regierung zu stürzen, und das Proletariat Vorbereitungen traf, im weiteren Verlauf die Bourgeoisie zu stürzen - während alledem verfolgte die Regierung halsstarrig einen Kurs, der zu einem Zusammenstoß führen mußte. Deutschland befand sich zu Beginn des Jahres 1848 am Vorabend einer Revolution, und diese Revolution wäre bestimmt gekommen, auch wenn ihr Ausbruch nicht durch die französische Februarrevolution beschleunigt worden wäre.

Welche Wirkung diese Pariser Revolution auf Deutschland hatte, werden wir in unserem nächsten Artikel sehen.

London, September 1851

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III. [Die übrigen deutschen Staaten]

In unserem letzten Artikel haben wir uns fast ausschließlich auf jenen Staat beschränkt, der während der Jahre 1840 bis 1848 die weitaus größte Bedeutung für die Bewegung in Deutschland hatte, nämlich auf Preußen. Wir müssen jetzt aber einen raschen Blick auf die übrigen deutschen Staaten während des gleichen Zeitraums werfen.

Die Kleinstaaten waren seit den revolutionären Bewegungen von 1830 vollständig unter die Diktatur des Bundestages, d.h. Österreichs und Preußens, geraten. Die verschiedenen Verfassungen, die ebensosehr zum Schutz vor den Diktaten der größeren Staaten erlassen worden waren wie zu dem Zweck, die Popularität ihrer fürstlichen Urheber zu sichern und den durch den Wiener Kongreß ohne jeglichen leitenden Grundgedanken bunt zusammengewürfelten Provinzen ein einheitliches Gepräge zu geben - diese Verfassungen hatten sich, so illusorisch sie auch waren, in den unruhigen Zeiten von 1830 und 1831 doch als eine Gefahr für die Autorität der kleinen Fürsten selbst erwiesen. Sie wurden so gut wie vernichtet; was man bestehen ließ, führte kaum noch ein Schattendasein, und es gehörte die geschwätzige Selbstgefälligkeit eines Welcker, Rotteck und Dahlmann dazu, um sich einzubilden, die mit entwürdigender Kriecherei vermischte untertänige Opposition, die sie in den ohnmächtigen Kammern der Kleinstaaten an den Tag legen durften, könne überhaupt Ergebnisse zeitigen.

Der energischere Teil der Bourgeoisie in diesen Kleinstaaten gab sehr bald nach 1840 alle Hoffnungen auf, die er früher auf die Entfaltung eines parlamentarischen Regimes in diesen Anhängseln Österreichs und Preußens gesetzt. Kaum hatten die preußische Bourgeoisie und die mit ihr verbündeten Klassen sich ernstlich entschlossen gezeigt, für ein parlamentarisches Regime in Preußen zu kämpfen, da überließ man ihnen auch schon die Führung der konstitutionellen Bewegung im ganzen nicht-österreichischen Deutschland. Es ist eine jetzt wohl kaum bestrittene Tatsache, daß der Kern jener <25> mitteldeutschen Konstitutionalisten, die später aus der Frankfurter Nationalversammlung ausschieden und nach dem Ort, wo sie ihre Separatsitzungen abhielten, die Gothaer genannt wurden, lange vor 1848 einen Plan erwog, den sie 1849 mit geringen Abänderungen den Vertretern ganz Deutschlands vorlegten. Sie beabsichtigten den völligen Ausschluß Österreichs aus dem Deutschen Bund, die Gründung eines neuen Bundes unter dem Schutz Preußens mit einem neuen Grundgesetz und mit einem Bundesparlament sowie der Einverleibung der unbedeutenden Staaten in die größeren. Das alles sollte durchgeführt werden, sobald Preußen in die Reihe der konstitutionellen Monarchien eintrat, die Pressefreiheit herstellte, zu einer von Rußland und Österreich unabhängigen Politik überging und so den Konstitutionalisten der kleineren Staaten die Möglichkeit verschaffte, eine wirkliche Kontrolle über ihre Regierungen auszuüben. Der Erfinder dieses Planes war Professor Gervinus aus Heidelberg (Baden). Die Emanzipation der preußischen Bourgeoisie sollte also das Signal sein für die Emanzipation der Bourgeoisie in ganz Deutschland und für den Abschluß eines Schutz- und Trotzbündnisses gegen Rußland wie gegen Österreich; denn Österreich wurde, wie wir gleich sehen werden, als ein ganz barbarisches Land betrachtet, über das man nur sehr wenig wußte, und dieses Wenige war nicht eben schmeichelhaft für seine Bewohner; Österreich galt daher nicht als wesentlicher Bestandteil Deutschlands.

Die anderen Gesellschaftsklassen in den kleineren Staaten traten, die einen schneller, die anderen langsamer, in die Fußstapfen ihrer Klassengenossen in Preußen. Die Kleinbürger wurden immer unzufriedener mit ihren Regierungen, mit dem Anwachsen der Steuerlast, mit der Beschränkung jener politischen Scheinrechte, mit denen sie so stolz taten, wenn sie sich mit den "Sklaven des Despotismus" in Österreich und Preußen verglichen; aber einstweilen fehlte ihrer Opposition noch jeder bestimmte Inhalt, der ihr das Gepräge einer sich von dem Konstitutionalismus der bürgerlichen Oberschicht unterschiedenen selbständigen Partei verleihen konnte. Auch in der Bauernschaft war die Unzufriedenheit im Ansteigen, aber bekanntlich bringt dieser Teil des Volkes in ruhigen, friedlichen Zeiten seine Interessen niemals zu Geltung und tritt niemals als selbständige Klasse auf, außer in Ländern, wo das allgemeine Wahlrecht besteht. Die Handwerker und Fabrikarbeiter in den Städten begannen, vom "Gift" des Sozialismus und Kommunismus verseucht zu werden; da es aber außerhalb Preußens nur wenige einigermaßen bedeutende Städte und noch weniger Fabrikbezirke gab, machte die Bewegung dieser Klasse infolge Mangels an Aktions- und Propagandazentren äußerst langsame Fortschritte in den kleineren Staaten.

<26> Sowohl in Preußen wie in den kleineren Staaten erzeugten die Schwierigkeiten, die der Entfaltung einer politischen Opposition im Wege standen, eine Art religiöser Opposition in Gestalt der Parallelbewegungen des Deutschkatholizismus und der Freien Gemeinden. Die Geschichte liefert uns zahlreiche Beispiele, daß in Ländern, die sich der Segnungen einer Staatskirche erfreuen und in denen die politische Diskussion geknebelt ist, die gefährliche profane Opposition gegen die weltliche Macht sich unter der Maske eines höhere Weihe tragenden und anscheinend selbstloseren Kampfes gegen die Knechtung des Geistes verbirgt. So manche Regierung, die keinerlei Erörterung ihrer Handlungen duldet, wird sich gründlich überlegen, bevor sie Märtyrer schafft und den religiösen Fanatismus weckt. So galten 1845 in allen deutschen Staaten entweder die römisch-katholische oder die protestantische Religion oder beide als wesentlicher Bestandteil des im Lande herrschenden Rechts. Und ebenso bildete in allen diesen Staaten der Klerus der anerkannten Konfession oder Konfessionen einen wesentlichen Bestandteil des bürokratischen Regierungsapparats. Ein Angriff auf die protestantische oder katholische Orthodoxie, ein Angriff auf das Pfaffentum bedeutete also einen versteckten Angriff auf die Regierung selbst. Was die Deutschkatholiken anbelangt, so war schon ihre bloße Existenz ein Angriff auf die katholischen Regierungen in Deutschland, besonders auf die Österreichs und Bayerns; und so wurde es von diesen Regierungen auch aufgefaßt. Die Freigemeindler, protestantische Dissidenten, die eine gewisse Ähnlichkeit mit den englischen und amerikanischen Unitariern aufweisen, machten keinen Hehl aus ihrer Gegnerschaft gegen die klerikalen, streng orthodoxen Tendenzen des Königs von Preußen und seines Günstlings, des Kultusministers Eichhorn. Die beiden neuen Sekten, die vorübergehend rasche Verbreitung fanden, die eine in katholischen, die andere in protestantischen Gegenden, unterschieden sich nur durch ihren Ursprung; was ihre Lehren betrifft, so stimmten sie in dem wichtigsten Punkt überein: daß jede dogmatische Festlegung vom Übel sei. Dieser Mangel an Bestimmtheit bildete den Kern ihres Wesens; sie behaupteten, sie bauten jenen großen Tempel, unter dessen Dach sich alle Deutschen zusammenfinden könnten; sie repräsentierten also in religiöser Form eine andere politische Idee jener Tage, die Idee der deutschen Einheit, und konnten doch selbst nie untereinander einig werden.

Die Idee der deutschen Einheit, die die eben erwähnten Sekten wenigstens auf religiösem Gebiet zu verwirklichen suchten, indem sie eine gemeinsame Religion für alle Deutschen erfanden, die eigens auf ihre Bedürfnisse, ihre Gewohnheiten und ihren Geschmack zugeschnitten war - diese Idee <27> war in der Tat weit verbreitet, besonders in den kleineren Staaten. Seitdem Napoleon den Zerfall des Deutschen Reiches herbeigeführt, war der Ruf nach Vereinigung all der disjecta membra Deutschlands der allgemeinste Ausdruck der Unzufriedenheit mit der bestehenden Ordnung gewesen, und zwar am meisten in den kleineren Staaten, wo der Aufwand für den Hof, die Staatsverwaltung, das Heer, kurz, das ganze tote Gewicht der Besteuerung in direktem Verhältnis zur Kleinheit und Ohnmacht des Staates wuchs. Wie diese deutsche Einheit aber in der Wirklichkeit aussehen sollte, das war eine Frage, über die die Meinungen der Parteien auseinandergingen. Die Bourgeoisie, die keine gefährlichen revolutionären Erschütterungen wünschte, wäre mit einer Lösung zufrieden gewesen, die sie, wie wir gesehen, für "praktikabel" hielt, nämlich mit einem Bund, der mit Ausnahme Österreichs ganz Deutschland umfaßte, unter der Vorherrschaft eines konstitutionell regierten Preußen; und sicher konnte man damals nicht mehr erreichen, ohne bedrohliche Stürme heraufzubeschwören. Das Kleinbürgertum und die Bauernschaft, soweit sich letztere überhaupt um dergleichen Dinge kümmerte, gelangten nie zu einer Definition jener deutschen Einheit, die sie so laut forderten; einige wenige Träumer, in ihrer Mehrzahl feudalistische Reaktionäre, erhofften die Wiedererrichtung des Deutschen Reiches; ein paar unwissende soi-disant Radikale, voller Bewunderung für die Einrichtungen der Schweiz, mit denen sie noch nicht jene praktische Bekanntschaft gemacht, die ihnen später so lächerlich die Augen öffnete, erklärten sich für die föderative Republik; und nur die extremste Partei wagte es damals, für die eine und unteilbare deutsche Republik einzutreten. So war die deutsche Einheit selbst eine Frage, die Uneinigkeit, Zwietracht und unter Umständen sogar Bürgerkrieg in ihrem Schoß barg.

Kurz zusammengefaßt war dies der Zustand Preußens und der kleineren deutschen Staaten zu Ende des Jahres 1847: Die Bourgeoisie, im Bewußtsein ihrer Kraft, war entschlossen, nicht länger die Fesseln zu tragen, mit denen ein feudaler und bürokratischer Despotismus ihre kommerziellen Geschäfte, ihre industrielle Leistungsfähigkeit, ihr gemeinsames Handeln als Klasse einengte; ein Teil der adligen Grundherren war so weit zu reinen Warenproduzenten geworden, daß sie die gleichen Interessen wie die Bourgeoisie hatten und mit ihr gemeinsame Sache machten; das Kleinbürgertum war unzufrieden, murrte über die Steuern, über die Hindernisse, die seiner gewerblichen Tätigkeit in den Weg gelegt wurden, hatte aber kein bestimmtes Reformprogramm, das seine Stellung in Staat und Gesellschaft zu sichern imstande war; die <28> Bauernschaft war hier bedrückt durch feudale Lasten, durch Geldverleiher, Wucherer und Advokaten; das arbeitende Volk in den Städten, ebenfalls erfaßt von der allgemeinen Unzufriedenheit, haßte gleichermaßen die Regierung wie die großen industriellen Kapitalisten und war immer mehr durch sozialistische und kommunistische Ideen angesteckt; kurz eine heterogene oppositionelle Masse, getrieben von den verschiedensten Interessen, aber mehr oder minder unter Führung der Bourgeoisie, in deren vorderster Reihe wiederum die preußische Bourgeoisie, namentlich die der Rheinprovinz marschierte. Auf der anderen Seite Regierungen, die in vieler Hinsicht uneinig waren, voll Mißtrauen gegeneinander, besonders aber gegenüber Preußen, auf dessen Schutz sie doch angewiesen waren; in Preußen eine Regierung, aufgegeben von der öffentlichen Meinung, aufgegeben sogar von einem Teil des Adels, gestützt auf ein Heer und eine Bürokratie, die von Tag zu Tag mehr mit den Ideen der oppositionellen Bourgeoisie verseucht und von ihrem Einfluß erfaßt wurde - eine Regierung zu alledem, ohne einen Pfennig Geld im buchstäblichen Sinne des Wortes und nicht in der Lage, auch nur einen Groschen zur Deckung ihres wachsenden Defizits aufzutreiben ohne sich auf Gnade und Ungnade der oppositionellen Bourgeoisie auszuliefern. Wo hätte sich die Bourgeoisie jemals in einer glänzenderen Position befunden in ihrem Kampf um die Macht gegen die bestehende Regierung?

London, September 1851

<29>

IV. [Österreich]

Wir müssen uns jetzt mit Österreich befassen, jenem Land, das bis zum März 1848 für andere Völker fast ebensosehr ein Buch mit sieben Siegeln war wie China vor dem letzten Kriege mit England.

Natürlich können wir uns hier nur mit Deutschösterreich befassen. Die Angelegenheiten der Österreicher polnischen, ungarischen oder italienischen Ursprungs gehören nicht zu unserem Thema, und soweit sie seit 1848 das Schicksal der Deutschösterreicher beeinflußt haben, werden wir später darauf zu sprechen kommen müssen.

Die Regierung des Fürsten Metternich drehte sich um zwei Angelpunkte: erstens suchte sie jede einzelne der verschiedenen Nationen, die unter österreichischer Herrschaft standen, durch alle übrigen Nationen, die sich in der gleichen Lage befanden, in Schach zu halten; zweitens, und das war immer das Grundprinzip absoluter Monarchien, stützte sie sich auf zwei Klassen, die feudalen Grundherren und die Börsenfürsten; gleichzeitig aber spielte sie den Einfluß und die Macht dieser beiden Klassen so gegeneinander aus, daß die Regierung selbst volle Handlungsfreiheit behielt. Die adligen Grundherren, deren ganzes Einkommen aus den verschiedensten feudalen Revenuen bestand, konnte nicht umhin, eine Regierung zu unterstützen, die ihren einzigen Schutz gegen jene niedergetretene Klasse von Leibeigenen bildete, von deren Ausplünderung sie lebten; und wenn die weniger begüterten Adligen, wie 1846 in Galizien, sich einmal zur Opposition gegen die Regierung aufrafften, ließ Metternich sehr rasch ebendiese Leibeigenen gegen sie los, die auf jeden Fall die Gelegenheit benützten, um an ihren nächsten Unterdrückern furchtbare Rache zu üben. Die großkapitalistischen Börsenspekulanten waren ihrerseits durch die Riesenbeträge, die der Staat ihnen schuldete, an die Regierung Metternich gekettet. Österreich, das 1815 seine volle Macht wiedererlangte, das 1820 die absolute Monarchie in Italien wiederhergestellt hatte und seitdem aufrechterhielt, das sich durch den Bankrott von 1810 eines Teils seiner Verbindlichkeiten entledigt hatte, war nach Abschluß des Friedens auf <30> den großen europäischen Geldmärkten sehr bald wieder kreditfähig geworden und hatte in dem Maße, wie sein Kredit stieg, neue Schulden aufgenommen. So hatten alle großen Geldmänner Europas erhebliche Teile ihres Kapitals in österreichischen Staatspapieren angelegt; sie waren daher alle an der Aufrechterhaltung des Kredits dieses Landes interessiert, und da die Aufrechterhaltung des österreichischen Staatskredits immer neue Anleihen erforderte, sahen sie sich gezwungen, von Zeit zu Zeit neues Kapital vorzustrecken, um das Vertrauen in jene Schuldverschreibungen aufrechtzuerhalten, für die sie bereits Geld vorgeschossen hatten. Der lange Frieden nach 1815 und die anscheinende Unmöglichkeit, ein tausend Jahre altes Reich wie Österreich umzustürzen, steigerten den Kredit der Metternich-Regierung in erstaunlichem Maße und machten sie sogar unabhängig von der Gunst der Wiener Bankiers und Börsenspekulanten; denn solange Metternich reichlich Geld in Frankfurt und Amsterdam bekommen konnte, hatte er natürlich die Genugtuung, die österreichischen Kapitalisten zu seinen Füßen zu sehen. Übrigens waren sie auch in jeder anderen Hinsicht in seiner Gewalt; die großen Profite, die Bankiers, Börsenspekulanten und Staatslieferanten immer aus einer absoluten Monarchie zu ziehen verstehen, wurden wettgemacht durch die fast unumschränkte Gewalt der Regierung über ihre Person und ihr Vermögen; daher war von dieser Seite auch nicht die leiseste Spur einer Opposition zu erwarten. So war Metternich der Unterstützung der beiden mächtigsten, einflußreichsten Klassen des Reiches sicher, und obendrein verfügte er über eine Armee und eine Bürokratie, wie sie für die Zwecke des Absolutismus nicht besser geeignet sein konnten. Die Beamten und Offiziere in österreichischen Diensten sind eine Gattung für sich; ihre Väter haben schon dem Kaiser gedient, und ihre Söhne werden dergleichen tun; sie gehören keiner der mannigfaltigen Nationen an, die unter den Fittichen des Doppeladlers versammelt sind; sie werden und wurden von jeher von einem Ende des Reiches ans andere versetzt, von Polen nach Italien, von Deutschland nach Transsylvanien; sie verachteten gleichermaßen jedes Individuum, ob Ungar, Pole, Deutscher, Rumäne, Italiener, Kroate, sie haben keine Nationalität, oder vielmehr: sie allein bilden die wirkliche österreichische Nation. Es ist klar, welch geschmeidiges und zur gleicher Zeit machtvolles Instrument eine solche zivile und militärische Hierarchie in den Händen eines intelligenten, energischen Staatsoberhaupts bilden mußte.

Was die übrigen Klassen der Bevölkerung betrifft, so kümmerte sich Metternich, ganz im Geiste eines Staatsmanns des ancien régime, wenig um ihre <31> Unterstützung. Ihnen gegenüber kannte er nur eine Politik: soviel wie möglich in Form von Steuern aus ihnen herauszupressen und sie gleichzeitig ruhig zu halten. Die Handels- und Industriebourgeoisie entwickelte sich in Österreich nur langsam. Der Donauhandel war verhältnismäßig unbedeutend; das Land besaß nur einen Seehafen, Triest, und der Handel dieses Hafens war sehr beschränkt. Die Fabrikanten erfreuten sich weitgehenden Schutzes, der in den meisten Fällen bis zum völligen Ausschluß jeglicher ausländischen Konkurrenz ging; aber diese Vorzugsstellung war ihnen hauptsächlich im Hinblick auf die Steigerung ihrer Zahlungsfähigkeit beim Steueramt eingeräumt worden und wurde weitgehend aufgewogen durch Beschränkungen der Industrie im Innern, durch Privilegien der Zünfte und anderer feudaler Korporationen, die ängstlich aufrechterhalten wurden, solange sie nicht den Zwecken und Absichten der Regierung im Wege standen. Die kleinen Handwerker waren eingezwängt in die engen Schranken dieser mittelalterlichen Zünfte, die eine ewige Fehde zwischen den verschiedenen Gewerbezweigen um ihre Privilegien in Gange hielten und den Mitgliedern dieser Zwangsvereinigungen eine Art erblicher Stabilität verliehen, indem sie Angehörigen der Arbeiterklasse die Möglichkeit sozialen Aufstiegs fast völlig versperrten. Die Bauern und Arbeitern endlich wurden als bloße Steuerobjekte behandelt, und man kümmerte sich nur um sie, um sie möglichst an die Lebensbedingungen zu fesseln, unter denen sie existierten und unter denen bereits ihre Väter existiert hatten. Zu diesem Zweck wurde jede alt eingewurzelte Autorität in gleicher Weise hochgehalten wie die Autorität des Staates: die Autorität des Grundherren über den kleinen Pächter, des Fabrikanten über den Fabrikarbeiter, des kleinen Handwerksmeisters über den Gesellen und Lehrjungen, des Vaters über den Sohn wurde von der Regierung allenthalben strengstens gewahrt, und jede Art von Unbotmäßigkeit ebenso geahndet wie eine Gesetzesübertretung, mit dem Universalwerkzeug der österreichischen Justiz û dem Stock.

Schließlich, um alle diese Bemühungen zur Schaffung einer künstlichen Stabilität in ein allumfassendes System zu bringen, wurde die dem Volke erlaubte geistige Nahrung mit der peinlichsten Sorgfalt ausgewählt und ihm so spärlich wie möglich zugeteilt. Die Erziehung lag überall in den Händen der katholischen Geistlichkeit, deren Oberhäupter genauso wie die großen feudalen Grundherren an der Erhaltung des bestehenden Systems aufs stärkste interessiert waren. Die Universitäten waren so organisiert, daß sie nur Spezialisten hervorbringen konnten, die allenfalls auf einzelnen Sondergebieten der Wissenschaft sich hervortun mochten, daß sie aber auf keinen Fall jene freisinnige Allgemeinbildung vermitteln konnten, die man sonst von <32> Universitäten erwartet. Zeitungen gab es überhaupt nicht, außer in Ungarn, und die ungarischen Blätter waren in allen anderen Teilen der Monarchie verboten. Was die Literatur im allgemeinen anbelangt, so hatte sich ihr Bereich im Laufe eines Jahrhunderts nicht erweitert; nach dem Tode Josephs II. wurden ihr sogar wieder engere Grenzen gesteckt. Und überall an der Grenze, wo immer die österreichischen Staaten an ein zivilisiertes Land stießen, war in Verbindung mit dem Kordon von Zollbeamten ein Kordon von Literaturzensoren errichtet, die kein ausländisches Buch, keine ausländische Zeitung nach Österreich hineinließen, bevor sein Inhalt nicht zwei- oder dreimal gründlich geprüft und völlig frei selbst von der leisesten Befleckung durch den verruchten Geist des Jahrhunderts befunden worden war.

Ungefähr dreißig Jahre lang, von 1815 an, wirkte dieses System mit erstaunlichem Erfolg. Österreich blieb für Europa beinah unbekannt, und ebensowenig kannte man Europa in Österreich. Der gesellschaftliche Stand der einzelnen Klassen der Bevölkerung und der Bevölkerung in ihrer Gesamtheit hatte scheinbar nicht die geringste Veränderung erfahren. Was auch an Feindseligkeit zwischen den Klassen vorhanden sein mochte û und das Vorhandensein dieser Feindseligkeit war eine der Hauptbedingungen des Metternichschen Systems, das sie sogar förderte, indem es die höheren Klassen als Werkzeug jeder drückenden staatlichen Maßnahme benutzte und so den Haß auf sie ablenkte -, wie sehr das Volk auch die unteren Staatsbeamten hassen mochte: mit der Zentralregierung war man alles in allem nicht unzufrieden. Der Kaiser wurde angebetet, und die Tatsachen schienen dem alten Franz I. recht zu geben, wenn er seine eigenen Zweifel an der Dauerhaftigkeit des Systems selbstgefällig einschränkte: "Immerhin, mich und den Metternich halt's noch aus."

Und doch ging unter der Oberfläche eine langsame Bewegung vor sich, die alle Bemühungen Metternichs zuschanden machte. Der Reichtum und Einfluß der Industrie- und Handelsbourgeoisie nahmen zu. Die Einführung von Maschinen und Dampfkraft in der Industrie wälzte in Österreich, wie überall, die alten Verhältnisse und Lebensbedingungen ganzer Gesellschaftsklassen vollständig um; sie befreite die Leibeigenen, sie verwandelte die Kleinbauern in Fabrikarbeiter; sie untergrub die alten feudalen Handwerkerzünfte und raubte vielen von ihnen jede Möglichkeit des Weiterbestehens. Die neue kommerzielle und industrielle Bevölkerung geriet überall in Widerspruch mit den alten feudalen Einrichtungen. Die Bourgeoisie wurde durch ihre Geschäfte immer häufiger zu Reisen ins Ausland veranlaßt und brachte von dort manch märchenhafte Kunde von zivilisierten Ländern mit, die jenseits der kaiserlichen Zollschranken lagen; und schließlich beschleunigte der <33> Bau von Eisenbahnen die industrielle wie die geistige Entwicklung. Zudem gab es im österreichischen Staatsgefüge selbst einen gefährlichen Bestandteil: die ungarische Feudalverfassung mit ihren parlamentarischen Verhandlungen und ihren Kämpfen der verarmten, oppositionellen Masse des Adels gegen die Regierung und deren Verbündete, die Magnaten. Preßburg, der Sitz des Reichstags, lag dicht vor den Toren Wiens. Alle diese Elemente trugen dazu bei, in der städtischen Bourgeoisie einen Geist, wenn auch nicht gerade der Opposition û denn eine Opposition war noch nicht möglich -, so doch der Unzufriedenheit zu erzeugen, einen allgemeinen Wunsch nach Reformen mehr administrativer als konstitutioneller Art. Und genau wie in Preußen schloß sich ein Teil der Bürokratie der Bourgeoisie an. In dieser erblichen Beamtenkaste waren die Traditionen Josephs II. noch unvergessen; die gebildeteren Regierungsbeamten, die bisweilen selbst mit der Möglichkeit imaginärer Reformen kokettierten, gaben dem fortschrittlichen, aufgeklärten Despotismus jenes Kaisers entschieden den Vorzug vor dem "väterlichen" Despotismus Metternichs. Ein Teil des ärmeren Adels schlug sich gleichfalls auf die Seite der Bourgeoisie, und was die unteren Klassen der Bevölkerung anbetrifft, die immer reichlich Grund zur Unzufriedenheit mit den höheren Klassen, wo nicht mit der Regierung gehabt hatten, so konnten sie in den meisten Fällen nicht umhin, sich den Reformwünschen der Bourgeoisie anzuschließen.

Ungefähr um diese Zeit, um 1843 oder 1844, entfaltete sich in Deutschland ein besonderer Literaturzweig, der diesen Veränderungen entsprach. Einige österreichische Literaten, Romanschriftsteller, Literaturkritiker, schlechte Poeten, durchweg recht mäßig begabt, aber mit jener spezifischen Betriebsamkeit ausgestattet, die der jüdischen Rasse eigen ist, ließen sich in Leipzig und anderen deutschen Städten außerhalb Österreichs nieder und veröffentlichten hier, außer der Reichweite Metternichs, eine Anzahl Bücher und Flugschriften über österreichische Fragen. Sie und ihre Verlager machten damit ein reißendes Geschäft. Ganz Deutschland war begierig, in die Geheimnisse der Politik von Europäisch-China eingeweiht zu werden; und noch neugieriger waren die Österreicher selbst, die diese Veröffentlichungen auf dem Wege über den im großen betriebenen Schmuggel an der böhmischen Grenze erhielten. Natürlich waren die Geheimnisse, die in diesen Veröffentlichungen verraten wurden, nicht von großer Bedeutung, und die Reformpläne, die ihre wohlmeinenden Verfasser ausbrüteten, trugen den Stempel einer an politische Jungfräulichkeit grenzenden Harmlosigkeit. Eine Verfassung und Pressefreiheit für Österreich galten als unerreichbar; administrative Reformen, <34> Erweiterungen der Rechte der Provinziallandtage, Zulassung ausländischer Bücher und Zeitungen und Milderungen der Zensur û weiter gingen die untertänigst ergebenen Wünsche dieser braven Österreicher kaum.

Auf jeden Fall trug das immer sinnlosere Unterfangen, den literarischen Verkehr Österreichs mit dem übrigen Deutschland, und durch Deutschland mit der übrigen Welt, zu verhindern, viel zur Bildung einer regierungsfeindlichen öffentlichen Meinung bei und machte einem Teil der Österreicher wenigstens etwas an politischer Information zugänglich. So wurde gegen Ende des Jahres 1847 Österreich wenn auch in geringerem Maße, von jener politischen und politisch-religiösen Agitation erfaßt, die damals in ganz Deutschland überhandnahm, und wenn sie sich in Österreich auch weniger geräuschvoll entwickelte, so fand sie doch genügend revolutionäre Elemente vor, auf die sie wirken konnte. Da war der Bauer, Leibeigener oder Zinsbauer, zu Boden gedrückt durch die Abgaben, die der Grundherr oder die Regierung aus ihm herauspreßte; dann der Fabrikarbeiter, den der Polizeistock zwang, sich zu jeglicher Bedingung abzurackern, die der Fabrikant festzusetzen beliebte; dann der Handwerksgeselle, dem die Zunftgesetze jede Aussicht versperrten, sich in seinem Gewerbe jemals selbständig zu machen; dann der Kaufmann, der in seinem Geschäft auf Schritt und Tritt über sinnlose Vorschriften stolperte; dann der Fabrikant, in stetem Konflikt mit den eifersüchtig über ihre Privilegien wachenden Handwerkerzünften oder mit gierigen Beamten, die in alles ihre Nase steckten; dann der Lehrer, der Gelehrte, der gebildetere Beamte, alle in vergeblichem Kampf mit einem unwissenden, anmaßenden Pfaffentum oder mit stupiden, herrschsüchtigen Vorgesetzten. Kurz, es gab keine einzige Klasse, die zufrieden gewesen wäre; denn die kleinen Zugeständnisse, zu denen sich die Regierung hin und wieder gezwungen sah, gingen nicht auf deren eigene Kosten û das wäre über die Kräfte der Staatskasse gegangen -, sondern auf Kosten des Hochadels und des Klerus; und was die großen Bankiers und Besitzer von Staatspapieren anbelangt, so waren die jüngsten Ereignisse in Italien, die wachsende Opposition des ungarischen Reichstags, der ungewohnte Geist der Unzufriedenheit und der Schrei nach Reformen, der im ganzen Reiche laut wurde, nicht dazu angetan, ihr Vertrauen in die Solidität und Zahlungsfähigkeit des österreichischen Kaiserreichs zu stärken.

So reifte auch in Österreich langsam, aber sicher ein gewaltiger Umschwung heran, als plötzlich in Frankreich ein Ereignis eintrat, das nunmehr den drohenden Sturm sogleich entfesselte und die Behauptung des alten Franz Lügen strafte, zu seinen und zu Metternichs Lebzeiten werde der Bau schon noch halten.

London, September 1851


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