Karl Marx / Friedrich Engels / Werke, Band 8, S. 5 - 108

Dietz Verlag, Berlin 1972 / DDR


Friedich Engels

Revolution und Konterrevolution in Deutschland Teil 2

Geschrieben August 1851 bis September 1852

Aus: "New-York Daily Tribune"

Die Überschriften sind an die 1896 von Eleanor Marx-Aveling besorgte Ausgabe in englischer Sprache angelehnt.


Kapitelübersicht Teil 2:

V. Der Wiener Märzaufstand
VI. Der Berliner Aufstand
VII. Die Frankfurter Nationalversammlung
VIII. Polen, Tschechen und Deutsche
IX. Der Panslawismus -Der Krieg in Schleswig-Holstein


Direkt weiter zum Teil 3 der Schrift - Drücke hier!


<35>

V. [Der Wiener Märzaufstand]

Am 24.Februar 1848 wurde Louis-Philippe aus Paris verjagt und die französische Republik ausgerufen. Am folgenden 13.März brach das Volk von Wien die Macht des Fürsten Metternich und zwang ihn zu schimpflicher Flucht aus dem Lande. Am 18.März griff das Volk von Berlin zu den Waffen und erlebte nach einem erbitterten, achtzehnstündigen Kampf die Genugtuung, daß der König vor ihm kapitulierte. Um dieselbe Zeit kam es auch in den Hauptstädten der kleineren Staaten Deutschlands zu mehr oder minder heftigen Ausbrüchen, und zwar überall mit dem gleichen Ergebnis. Wenn das deutsche Volk seine erste Revolution auch nicht bis zum Ende durchgeführt hat, so hat es die revolutionäre Bahn doch wenigstens wirklich betreten.

Auf die Einzelheiten der verschiedenen Erhebungen können wir hier nicht eingehen; was wir klarzulegen haben, ist ihr Charakter und die Stellung, die die verschiedenen Klassen der Bevölkerung ihnen gegenüber einnahmen.

Die Revolution in Wien wurde von einer, man kann sagen, fast einmütigen Bevölkerung gemacht. Die Bourgeoisie û mit Ausnahme der Bankiers und der Börsenspekulanten -, das Kleinbürgertum, die gesamte Arbeiterschaft erhoben sich gleichzeitig wie ein Mann gegen die Regierung, die von allen verabscheut, eine Regierung, die so allgemein verhaßt war, daß die kleine Minderheit von Adligen und Geldfürsten, die sie unterstützt hatte, gleich beim ersten Ansturm von der Bildfläche verschwand. Die Bourgeoisie war von Metternich in einer derartigen politischen Unwissenheit gehalten worden, daß die Nachrichten aus Paris über die Herrschaft von Anarchie, Sozialismus und Terror und über bevorstehende Kämpfe der Kapitalistenklasse und der Arbeiterklasse völlig unverständlich für sie blieben. In ihrer politischen Unschuld vermochte sie aus diesen Nachrichten entweder überhaupt nicht schlau zu werden, oder hielten sie für teuflische Erfindungen Metter- <36> nichs, um sie durch Angst zum Gehorsam zu bringen. Zudem hatte sie noch niemals gesehen, daß die Arbeiter als Klasse handelten oder sich für ihre eigenen, besonderen Klasseninteressen erhoben. Auf Grund ihrer bisherigen Erfahrungen konnte sie sich nicht vorstellen, daß es zwischen Klassen, die eben in so herzlicher Eintracht eine allen verhaßte Regierung gestürzt hatten, zu Differenzen kommen könnte. Sie sah, daß das arbeitende Volk mit ihr in allen Punkten einig war: in der Frage einer Verfassung, der Schwurgerichte, der Pressefreiheit usw. Sie war daher, zum mindestens im März 1848, mit Leib und Seele bei der Bewegung, und die Bewegung ihrerseits erhob die Bourgeoisie û wenigstens in der Theorie û sogleich zur herrschenden Klasse im Staate.

Aber es ist das Schicksal aller Revolutionen, daß dies Bündnis verschiedener Klassen, das bis zu einem gewissen Grade immer die notwendige Voraussetzung jeder Revolution ist, nicht von langer Dauer sein kann. Kaum ist der Sieg über den gemeinsamen Feind errungen, da beginnen die Sieger sich in verschiedene Lager zu scheiden und die Waffen gegeneinander zu kehren. Gerade die rasche, heftige Entwicklung des Klassenantagonismus macht in alten, komplizierten gesellschaftlichen Organismen die Revolution zu einer so mächtigen Triebkraft des sozialen und politischen Fortschritts; gerade das unaufhörliche, schnelle Emporschießen neuer Parteien, die nacheinander an der Macht sind, läßt eine Nation in Zeiten so heftiger Erschütterungen in fünf Jahren weiter vorankommen als unter normalen Verhältnissen in einem Jahrhundert.

Die Revolution in Wien machte die Bourgeoisie theoretisch zur herrschenden Klasse; das heißt, die der Regierung abgerungenen Zugeständnisse hätten, einmal in der Praxis angewandt und eine Zeitlang aufrecht erhalten, die Herrschaft der Bourgeoisie unbedingt sichergestellt. Aber in Wirklichkeit war die Herrschaft dieser Klasse keineswegs fest begründet. Durch die Schaffung einer Nationalgarde, die der Bourgeoisie und dem Kleinbürgertum Waffen in die Hand gab, erlangte diese Klasse zwar Macht und Einfluß; durch die Einsetzung eines "Sicherheitsausschusses", einer Art revolutionärer, niemandem verantwortlicher Regierung, in der die Bourgeoisie das entscheidende Wort hatte, gelangte sie an die Spitze der Macht. Aber gleichzeitig wurde auch ein Teil der Arbeiter bewaffnet; sie und die Studenten hatten die Hauptlast des Kampfes getragen, soweit es einen Kampf überhaupt gegeben hatte; und die Studenten, an die 4000 Mann stark, gut bewaffnet und weit besser diszipliniert als die Nationalgarde, bildeten den Kern, die eigentliche Stärke der revolutionären Streitmacht, und sie waren keineswegs gewillt, bloß Werkzeug in den Händen des Sicherheitsauschusses zu sein. Wenn sie ihn auch an- <37> erkannten, ja sogar seine begeisterten Verteidiger waren, so stellten sie doch eine Art selbständiger, ziemlich turbulenter Truppe dar, die in der "Aula" ihre eigenen Beratungen abhielt, eine Mittelstellung zwischen der Bourgeoisie und der Arbeiterklasse einnahm, durch ständige Unruhe dafür sorgte, daß die Dinge nicht wieder in den alten, gemächlichen Trott des Alltags zurückfielen und oftmals dem Sicherheitsausschuß ihre Beschlüsse aufzwang. Die Arbeiter wiederum, die fast sämtlich Lohn und Brot verloren hatten, mußten auf Staatskosten mit öffentlichen Arbeiten beschäftigt werden, und die Mittel für diesen Zweck hatte natürlich der Geldbeutel der Steuerzahler oder die Kasse der Stadt Wien aufzubringen. Das alles mußte für die Wiener Geschäftsleute recht unangenehm werden. Die Fabrikanten der Stadt, auf den Bedarf der reichen aristokratischen Hofhaltungen eines großen Landes berechnet, waren durch die Revolution, infolge der Flucht der Aristokratie und des Hofes, naturgemäß völlig lahmgelegt; der Handel lag darnieder, und die Unruhe, die Erregung, die von den Studenten und Arbeitern unausgesetzt geschürt wurde, war gewiß nicht das geeignete Mittel, um "das Vertrauen wiederherzustellen", wie die Redensart lautete. So entwickelte sich sehr bald ein ziemlich kühles Verhältnis zwischen der Bourgeoisie auf der einen, den turbulenten Studenten und Arbeitern auf der anderen Seite; und wenn diese Kühle sich längere Zeit nicht zu offener Feindschaft auswuchs, so nur darum, weil das Ministerium, und namentlich der Hof, in ihrer Ungeduld, die alten Zustände wiederherzustellen, immer wieder den Argwohn und die stürmische Regsamkeit der entschiedeneren revolutionären Gruppen rechtfertigten und sogar vor den Augen der Bourgeoisie immer wieder das Schreckgespenst des alten Metternichschen Despotismus heraufbeschworen. So kam es am 15. und dann wieder am 26.Mai zu neuen Erhebungen aller Klassen in Wien, weil die Regierung versucht hatte, einige der neuerrungenen Freiheiten anzutasten oder zu untergraben, und bei jeder dieser Gelegenheiten wurde das Bündnis zwischen der Nationalgarde û d.h. der bewaffneten Bourgeoisie -, den Studenten und den Arbeitern nochmals für einige Zeit gefestigt.

Was die anderen Klassen der Bevölkerung anbelangt, so waren die Aristokratie und die großen Geldleute verschwunden, und die Bauernschaft war allenthalben emsig am Werke, den Feudalismus mit Haut und Haaren auszurotten. Mit Rücksicht auf den Krieg in Italien und auf die Sorgen, die Wien und Ungarn dem Hofe bereiteten, ließ man die Bauern frei gewähren, und daher gelang ihnen das Werk ihrer Befreiung in Österreich besser als in irgendeinem anderen Teil Deutschlands. Der österreichische Reichstag brauchte kurz darauf nur die Schritte zu bestätigen, die die Bauernschaft praktisch unternommen, und was die Regierung des Fürsten Schwarzenberg sonst <38> auch wiederherzustellen imstande sein mag, so wird es doch niemals in ihrer Macht stehen, die feudale Knechtschaft der Bauern wieder einzuführen. Und wenn Österreich augenblicklich wieder verhältnismäßig ruhig, sogar stark ist, so hauptsächlich deshalb, weil die große Mehrheit des Volkes, die Bauern, durch die Revolution wirklich etwas gewonnen hat und weil, was immer die wiederhergestellte Regierung auch sonst beseitigt hat, diese handgreiflichen materiellen Vorteile die die Bauern errangen, bisher unangetastet geblieben sind.

London, Oktober 1851

<39>

VI. [Der Berliner Aufstand]

Der zweite Brennpunkt der revolutionären Bewegung war Berlin. Und nach dem, was wir aus unseren früheren Artikeln dargelegt haben, wird es nicht überraschen, daß diese Bewegung dort keinesfalls jene einmütige Unterstützung fast aller Klassen fand, von der sie in Wien begleitet war. In Preußen war die Bourgeoisie bereits in wirkliche Kämpfe mit der Regierung verwickelt gewesen; das Ergebnis des "Vereinigten Landtage" war ein offener Bruch, eine Bourgeoisierevolution war im Anzug, und diese Revolution hätte, wenigstens zu Anfang, genauso einmütig sein können wie die in Wien, wenn es nicht die Pariser Februarrevolution gegeben hätte. Dieses Ereignis überstürzte die ganze Entwicklung, obwohl es sich unter einem völlig anderen Banner vollzog als jenes, unter dem die preußische Bourgeoisie sich zur Kampfansage an ihre Regierung anschickte. Durch die Februarrevolution wurde in Frankreich gerade die Regierungsform vernichtet, die die preußische Bourgeoisie in ihrem eigenen Lande eben errichten wollte. Die Februarrevolution kündigte sich an als eine Revolution der Arbeiterklasse gegen die Bourgeoisie; sie proklamierte den Sturz der bürgerlichen Regierung und die Emanzipation des Arbeiters. Nun hatte aber die preußische Bourgeoisie in letzter Zeit gerade genug an Unruhen der Arbeiterklasse im eigenen Lande gehabt. Nachdem der erste Schreck über die schlesischen Unruhen überstanden war, hatte sie sogar versucht, diese Bewegung in eine Richtung zu lenken, die ihr selbst zum Vorteil war; aber ein heilsamer Schrecken vor dem revolutionären Sozialismus und Kommunismus war ihr geblieben; und als sie daher an der Spitze der Regierung in Paris Männer sah, die sie als die gefährlichsten Feinde von Eigentum, Ordnung, Religion, Familie und der sonstigen Penaten des modernen Bourgeois betrachtete, kühlte sich ihre eigene revolutionäre Glut sofort erheblich ab. Sie wußte, daß es den Augenblick zu <40> nutzen galt und daß sie ohne die Unterstützung der Arbeitermassen unterliegen werde; und dennoch ließ ihr Mut sie im Stich. Deshalb stellte sie sich bei den ersten vereinzelten Erhebungen in der Provinz auf seiten der Regierung, bemühte sich, das Volk in Berlin ruhig zu halten, das sich fünf Tage lang in dichten Massen vor dem königlichen Schlosse drängte, um die Neuigkeiten zu erörtern und Änderungen in der Regierung zu verlangen; und als der König schließlich, auf die Nachricht vom Sturze Metternichs hin, einige geringe Zugeständnisse machte, betrachtete die Bourgeoisie die Revolution für beendet und beeilte sich, Seiner Majestät für die Erfüllung aller Wünsche seines Volkes zu danken. Aber dann folgte der Angriff des Militärs auf die Menge, die Barrikaden, der Kampf und die Niederlage des Königtums. Jetzt bekam alles ein anderes Gesicht. Gerade die Arbeiterklasse, die die Bourgeoisie im Hintergrunde zu halten bestrebt gewesen, war in den Vordergrund gedrängt worden, sie hatte gekämpft und gesiegt und gelangte mit einem Schlag zum Bewußtsein der eigenen Kraft. Beschränkungen des Wahlrechts, der Pressefreiheit, des Rechts, Geschworener zu sein, des Versammlungsrechts û Beschränkungen, die der Bourgeoisie sehr angenehm gewesen wären, weil sie nur solche Klassen betrafen, die unter ihr standen û waren jetzt nicht länger möglich. Es drohte die Gefahr einer Wiederholung der Pariser Szenen der "Anarchie". Angesichts dieser Gefahr verschwanden alle früheren Zwistigkeiten. Dem siegreichen Arbeiter gegenüber, mochte er auch noch gar keine eigenen Forderungen aufgestellt haben, verbanden sich die Freunde mit ihren langjährigen Feinden, und das Bündnis zwischen der Bourgeoisie und den Anhängern des gestürzten Systems wurde noch auf den Barrikaden von Berlin geschlossen. Die notwendigen Zugeständnisse, aber nicht mehr als unvermeidlich, sollten gemacht, ein Ministerium aus den Führern der Opposition im Vereinigten Landtag gebildet werden, und zum Dank für seine Verdienste um die Rettung der Krone sollte ihm der Beistand aller Stützen des alten Regimes, des Feudaladels, der Bürokratie, des Heeres zuteil werden. Das waren die Bedingungen, unter denen die Herren Camphausen und Hansemann die Kabinettsbildung übernahmen.

So groß war die Furcht der neuen Minister vor den erregten Massen, daß in ihren Augen jedes Mittel recht war, wenn es nur dahin zielte, die erschütterten Grundlagen der Autorität zu festigen. Diese armen, betrogenen Wichte glaubten, jede Gefahr einer Wiederaufrichtung des alten Systems sei vorüber, und daher setzten sie den ganzen alten Staatsapparat in Bewegung, um die "Ordnung" wiederherzustellen. Nicht ein einziger Bürokrat oder Offizier wurde entlassen, nicht die leiseste Änderung im alten bürokratischen Verwaltungssystem vorgenommen. Diese trefflichen konstitutionellen verant- <41> wortlichen Minister setzten sogar jene Beamten wieder in ihre Stellen ein, die das Volk in der ersten Hitze des revolutionären Eifers wegen früherer bürokratisch anmaßender Handlungen davongejagt. Nichts wurde in Preußen geändert außer der Person der Minister; selbst der Beamtenstab der verschiedenen Ministerien blieb unangetastet, und der ganzen Meute der konstitutionellen Postenjäger, die den Chor der frischgebackenen Staatslenker gebildet und auf ihren Anteil an Macht und Würden gerechnet, wurde bedeutet zu warten, bis die Wiederherstellung gefestigter Zustände Veränderungen im Beamtenpersonal gestatte, die im Augenblick nicht ungefährlich seien.

Der König, der nach dem Aufstand vom 18. März völlig zusammengebrochen war, kam sehr bald dahinter, daß er für diese "liberalen" Minister ebenso notwendig war wie sie für ihn. Der Thron war von dem Aufstand verschont geblieben; der Thron verblieb als einzige Schranke gegen die "Anarchie"; die liberale Bourgeoisie und ihre Führer, die jetzt in der Regierung saßen, hatten daher alle Ursache, das beste Einvernehmen mit der Krone zu wahren. Der König und seine nächste Umgebung, die reaktionäre Kamarilla, hatten das bald entdeckt und nutzten diesen Umstand, um das Vorgehen des Ministeriums selbst bei jenen winzigen Reformen zu hemmen, zu denen es zeitweise einen Anlauf nahm.

Die erste Sorge des Ministeriums ging dahin, den jüngsten, gewaltsam erzwungenen Veränderungen eine Art gesetzlichen Anstrichs zu geben. Ohne Rücksicht auf den Widerspruch im ganzen Volke wurde der Vereinigte Landtag einberufen, um als das gesetz- und verfassungsmäßige Organ des Volkes ein neues Wahlgesetz für die Wahl einer Versammlung zu beschließen, die mit der Krone eine neue Verfassung vereinbaren sollte. Die Wahlen sollten indirekt sein, dergestalt, daß die Masse der Wähler eine Anzahl Wahlmänner wählte, die dann ihrerseits die Abgeordneten zu wählen hätten. Trotz aller Opposition fand dies indirekte Wahlsystem Annahme. Der Vereinigte Landtag wurde dann um eine Anleihe von fünfundzwanzig Millionen Taler angegangen, die gegen den Widerspruch der Volkspartei gleichfalls bewilligt wurde.

Dank diesem Vorgehen des Ministeriums nahm die Volkspartei, oder wie sie sich jetzt nannte, die demokratische Partei, einen außerordentlich raschen Aufschwung. Diese Partei, die unter der Führung der Klasse der Handwerker und Kleinhändler stand und zu Beginn der Revolution auch die große Mehrheit der Arbeiter um ihr Banner scharte, forderte das allgemeine und direkte Wahlrecht nach französischem Muster, eine einzige gesetzgebende Versammlung und völlige, offene Anerkennung der Revolution vom 18. März als Grund- <42> lage des neuen Regierungssystems. Ihr gemäßigter Flügel wollte sich mit einer auf diese Weise "demokratisierten" Monarchie zufriedengeben, der fortgeschrittenere forderte als Endziel die Errichtung der Republik. Beide waren sich darin einig, daß sie die Deutsche Nationalversammlung in Frankfurt als höchste Gewalt des Landes anerkannten, während die Konstitutionalisten und Reaktionäre vor der Souveränität dieser Körperschaft, die sie als eine durch und durch revolutionäre hinstellten, einen heftigen Abscheu zur Schau trugen.

Die selbständige Bewegung der Arbeiterklasse hatte durch die Revolution eine zeitweise Unterbrechung erfahren. Die unmittelbaren Bedürfnisse und Umstände der Bewegung gestatteten es nicht, auch nur eine der besonderen Forderungen der proletarischen Partei in den Vordergrund zu stellen. In der Tat, solange der Boden für ein selbständiges Vorgehen der Arbeiter nicht geebnet, solange das allgemeine, direkte Wahlrecht nicht eingeführt war, solange noch die 36 größeren und kleineren Staaten bestanden, durch die Deutschland in zahllose Gebietsfetzen zerrissen wurde û was blieb da der proletarischen Partei anders übrig, als die für sie hochwichtige Bewegung in Paris aufmerksam zu verfolgen und gemeinsam mit dem Kleinbürgertum um jene Rechte zu kämpfen, die ihr später ermöglichen würden, ihre eigene Schlacht zu schlagen?

Es gab somit nur drei Punkte, in denen sich die proletarische Partei in ihrem politischen Auftreten von der Partei der Kleinbürger oder, richtiger ausgedrückt, von der sogenannten demokratischen Partei wesentlich unterschied: erstens, die verschiedene Beurteilung der Vorgänge in Frankreich, insofern nämlich die Demokraten die Partei der äußersten Linken in Paris angriffen, während die proletarischen Revolutionäre sie verteidigten; zweitens, das Eintreten für die Notwendigkeit der Errichtung der einen, unteilbaren deutschen Republik, während selbst die Allerradikalsten unter den Demokraten nur nach einer föderativen Republik zu seufzen wagten; und drittens, jene bei jeder Gelegenheit bewiesene revolutionäre Kühnheit und Aktionsbereitschaft, die einer vom Kleinbürgertum geführten und hauptsächlich aus Kleinbürgern zusammengesetzten Partei immer fehlen wird.

Der proletarischen, der wirklich revolutionären Partei gelang es nur sehr allmählich, die Masse der Arbeiter dem Einfluß der Demokraten zu entziehen, deren Anhängsel sie zu Beginn der Revolution bildeten. Aber die Unentschlossenheit, Schwäche und Feigheit der demokratischen Führer taten zu gegebener Zeit das ihrige, und man kann heute sagen: eines der wichtigsten Ergebnisse der Erschütterungen der letzten Jahre besteht darin, daß sich die Arbeiterklasse überall, wo sie in einigermaßen beträchtlichen Massen konzen- <43> triert ist, völlig von jenem demokratischen Einfluß freigemacht hat, der sie in den Jahren 1848 und 1849 zu einer endlosen Reihe von Fehlern und Mißgeschicken geführt hat. Doch wir greifen besser nicht vor; die Ereignisse dieser beiden Jahre werden uns reichlich Gelegenheit geben, die demokratischen Herrschaften am Werke zu sehen.

Die Bauernschaft hatte in Preußen, genau wie in Österreich û nur weniger energisch, da hier der Feudalismus alles in allem nicht ganz so schwer auf ihr lastete -, die Revolution dazu benutzt, sich mit einem Schlage aller feudalen Fesseln zu entledigen. Hier aber wandte sich die Bourgeoisie, aus den oben angeführten Gründen, sofort gegen die Bauernschaft, ihren ältesten, unentbehrlichsten Verbündeten. Die Demokraten, denen die sogenannten Angriffe auf das Privateigentum den gleichen Schrecken einjagten wie der Bourgeoisie, ließen sie ebenfalls im Stich; so kam es, daß nach einer Emanzipation von drei Monaten, nach blutigen Kämpfen und militärischen Exekutionen, insbesondere in Schlesien, der Feudalismus durch die gestern noch antifeudale Bourgeoisie wiederhergestellt wurde. Damit hat sie sich selbst aufs schärfste verurteilt. Niemals im Lauf der Geschichte hat eine Partei an ihrem besten Bundesgenossen, ja an sich selbst, einen solchen Verrat verübt, und was dieser Bourgeosiepartei an erniedrigenden Demütigungen noch bevorstehen mag, sie hat sie schon durch diese eine Tat vollauf verdient.

London, Oktober 1851

<44>

VII. [Die Frankfurter Nationalversammlung]

Wie unseren Lesern vielleicht noch erinnerlich ist, haben wir in den sechs bisherigen Artikeln die revolutionäre Bewegung in Deutschland bis zu den zwei großen Siegen verfolgt, die das Volk am 13. März in Wien und am 18. März in Berlin davon trug. Wir haben gesehen, daß in Österreich wie in Preußen konstitutionelle Regierungen errichtet und daß liberale, d.h. bourgeoise Grundsätze als Richtschnur der ganzen künftigen Politik verkündet wurden; und der einzige merkliche Unterschied zwischen den beiden großen Brennpunkten der Bewegung bestand darin, daß in Preußen die liberale Bourgeoisie in Person zweier reicher Kaufleute, der Herren Camphausen und Hansemann, unmittelbar die Zügel der Macht ergriff, während in Österreich, wo die Bourgeoisie politisch weit weniger geschult war, die liberale Bürokratie in die Ämter einzog und beteuerte, die Macht als Treuhänder der Bourgeoisie auszuüben. Wir haben weiter gesehen, wie die Parteien und Gesellschaftsklassen, die bis dahin durch die Opposition gegen das alte Regime alle geeint gewesen, sich nach dem Siege oder sogar noch während des Kampfes entzweiten und wie dieselbe liberale Bourgeoisie, die allein aus dem Sieg Nutzen zog, sofort gegen ihre Verbündeten von gestern Front machte, eine feindliche Haltung gegen jede weiter fortgeschrittene Klasse oder Partei einnahm und mit den besiegten feudalen und bürokratischen Mächten ein Bündnis schloß. In der Tat war schon bei Beginn des revolutionären Dramas deutlich erkennbar, daß die liberale Bourgeoisie sich gegen die besiegten, aber nicht vernichteten feudalen und bürokratischen Parteien nur behaupten konnte, wenn sie sich auf die im Volk wurzelnden radikaleren Parteien stützte, und daß sie gegen den Ansturm dieser fortgeschritteneren Massen gleichermaßen auf die Unterstützung des Feudaladels und der Bürokratie angewiesen war. Daraus ergab sich deutlich genug, daß die Bourgeoisie in Österreich und Preußen nicht genügend Kraft besaß, um sich an der Macht zu halten und die Staatseinrichtungen entsprechend ihren Bedürfnissen und Auffassungen umzugestalten. <45> Das liberale Bourgeoisieministerium war nur eine Zwischenstation, von dem aus das Land, je nach der Wendung, die die Dinge nehmen würden, entweder zu der höheren Stufe der einheitlichen Republik vorwärtsschreiten oder in das alte klerikal-feudale und bürokratische Regime zurückfallen mußte. Auf alle Fälle war die eigentliche Entscheidungsschlacht erst noch zu schlagen; die Märzereignisse hatten den Kampf nur eingeleitet.

Da Österreich und Preußen die beiden führenden deutschen Staaten waren, wäre jeder entscheidende revolutionäre Sieg in Wien oder Berlin für ganz Deutschland von entscheidender Bedeutung gewesen. Und soweit die Ereignisse des März 1848 in diesen beiden Städten gediehen, waren sie für den Verlauf der Dinge in ganz Deutschland entscheidend. Man brauchte daher auf die Vorgänge, die sich in den kleineren Staaten abspielten, gar nicht einzugehen, und wir könnten uns sehr wohl ausschließlich auf die Betrachtung der österreichischen und preußischen Angelegenheiten beschränken, wenn das Vorhandensein dieser kleineren Staaten nicht der Anlaß zur Bildung einer Körperschaft gewesen wäre, die durch die bloße Tatsache ihres Bestehens der schlagendste Beweis für die anomale Lage in Deutschland und für die Unvollständigkeit der jüngsten Revolution war û einer Körperschaft, so abnorm, so lächerlich schon durch die Stellung, die sie einnahm, und dabei so erfüllt von ihrer eigenen Wichtigkeit, daß die Geschichte höchstwahrscheinlich nie ein Gegenstück dazu liefern wird. Diese Körperschaft war die sogenannte Deutsche Nationalversammlung in Frankfurt am Main.

Nach den Siegen des Volkes in Wien und Berlin verstand es sich von selbst, daß eine Repräsentativversammlung für ganz Deutschland zusammentreten müsse. Diese Körperschaft wurde also gewählt und trat in Frankfurt neben dem alten Bundestag zusammen. Von der Deutschen Nationalversammlung erwartete das Volk, sie werde alle strittigen Fragen lösen und als höchste gesetzgebende Gewalt des ganzen Deutschen Bundes tätig sein. Dabei hatte aber der Bundestag, der sie einberufen, ihre Befugnisse in keiner Weise festgelegt. Niemand wußte, ob ihre Beschlüsse Gesetzeskraft haben oder der Bestätigung durch den Bundestag und die einzelnen Regierungen unterliegen sollten. In dieser verworrenen Lage hätte die Versammlung, wenn sie auch nur einen Funken von Energie besessen, den Bundestag û die bei weitem unpopulärste Körperschaft in Deutschland û ohne weiteres auflösen, nach Hause schicken und durch eine aus ihrer eigenen Mitte gewählten Regierung ersetzen müssen. Sie hätte sich zum einzig gesetzlichen Ausdruck des souveränen Willens des deutschen Volkes erklären und damit jedem ihrer Beschlüsse Gesetzeskraft verleihen müssen. Sie hätte sich vor allem eine organisierte bewaffnete Macht im Lande verschaffen müssen, stark genug, um <46> jeden Widerstand seitens der Regierungen zu brechen. Und das alles war leicht, sehr leicht in jenem Anfangsstadium der Revolution. Aber das hieß viel zuviel erwarten von einer Versammlung, die sich in ihrer Mehrheit aus liberalen Advokaten und doktrinären Professoren zusammensetzte, einer Versammlung, die zwar den Anspruch erhob, die Blüte des deutschen Geistes und deutscher Wissenschaft zu verkörpern, die aber in Wirklichkeit nichts anderes war als die Bühne, auf der alte, längst überlebte politische Figuren ihre unfreiwillige Lächerlichkeit und ihre Impotenz im Denken wie im Handeln vor den Augen ganz Deutschlands zur Schau stellten. Diese Versammlung alter Weiber hatte vom ersten Tag ihres Bestehens mehr Angst vor der geringsten Volksbewegung als vor sämtlichen reaktionären Komplotten sämtlicher deutscher Regierungen zusammengenommen. Sie hielt ihre Beratungen unter den Augen des Bundestages ab, ja, sie bettelte förmlich um die Bestätigung ihrer Beschlüsse durch den Bundestag, denn ihre ersten Beschlüsse mußten durch diese verhaßte Körperschaft verkündet werden. Statt ihre eigene Souveränität zu behaupten, ging sie der Erörterung derart gefährlicher Fragen geflissentlich aus dem Wege. Statt sich mit einer Volkswehr zu umgeben, ging sie über alle gewalttätigen Übergriffe der Regierungen hinweg zur Tagesordnung über. Mainz wurde vor ihrer Nase in Belagerungszustand versetzt und die Bevölkerung der Stadt entwaffnet, aber die Nationalversammlung rührte sich nicht. Später wählte sie den Erzherzog Johann von Österreich zum deutschen Reichsverweser und erklärte, alle ihre Beschlüsse sollten Gesetzeskraft haben; dann aber wurde der Erzherzog Johann in seine neue Würde erst eingesetzt, nachdem die Zustimmung aller Regierungen eingeholt worden war, und die Einsetzung erfolgte nicht durch die Nationalversammlung, sondern durch den Bundestag; und was die Gesetzeskraft der von der Versammlung gefaßten Beschlüsse betrifft, so wurde dieser Punkt von den größeren Regierungen niemals anerkannt und von der Nationalversammlung selbst nie nachdrücklich geltend gemacht; er blieb daher in der Schwebe. So erlebten wir das seltsame Schauspiel einer Versammlung, die den Anspruch erhob, die einzig gesetzliche Vertretung einer großen souveränen Nation zu sein, die aber gleichwohl nie den Willen oder die Kraft besaß, die Anerkennung ihrer Ansprüche zu erzwingen. Die Debatten dieser Körperschaft blieben ohne das geringste Ergebnis; sie waren nicht einmal von theoretischem Wert, da sie nur die abgedroschensten Gemeinplätze veralteter philosophischer und juristischer Schulen wiederkäuten; es gab keinen Satz, der in dieser Versammlung gesprochen oder vielmehr hergestammelt wurde, der nicht unendlich oft und tausendmal besser längst gedruckt gewesen.

<47>So beließ die vorgeblich neue deutsche Zentralgewalt alles beim alten. Weit davon entfernt, die lang ersehnte deutsche Einheit herbeizuführen, entthronte sie nicht einmal die allerunbedeutendsten Fürsten, die Deutschland beherrschten; sie unternahm nichts, um ein festeres einigendes Band zwischen den einzelnen Ländern zu knüpfen; sie rührte keinen Finger, um die Zollschranken niederzureißen, die Hannover von Preußen und Preußen von Österreich trennten; sie machte nicht einmal den leisesten Versuch, die lästigen Gebühren abzuschaffen, die allenthalben in Preußen die Binnenschiffahrt behindern. Aber je weniger die Versammlung leistete, desto voller nahm sie den Mund. Sie schuf eine deutsche Flotte û auf dem Papier; sie annektierte Polen und Schleswig; sie ließ Deutschösterreich gegen Italien Krieg führen, während sie den Italienern verbot, den Österreichern in ihre sicheren Schlupfwinkel in Deutschland zu folgen; sie ließ die Französische Republik hoch- und nochmals hochleben und empfing Abgesandte aus Ungarn, die sicher mit weit verworreneren Vorstellungen über Deutschland heimkehrten, als sie bei ihrer Ankunft gehabt.

Diese Versammlung war zu Beginn der Revolution das Schreckgespenst aller deutschen Regierungen gewesen. Sie hatten mit ausgesprochen diktatorischem, revolutionärem Vorgehen der Versammlung gerechnet û gerade wegen der großen Unbestimmtheit, in der man die Befugnisse hatte belassen müssen. Die Regierungen spannen daher ein weitreichendes Netz von Intrigen, um den Einfluß dieser gefürchteten Körperschaft zu schwächen; es stellte sich jedoch heraus, daß sie mehr Glück als Verstand hatten, denn die Nationalversammlung besorgte die Geschäfte der Regierungen besser, als sie sie selbst hätten besorgen können. Zu den Intrigen gehörte vor allem die Einberufung lokaler gesetzgebender Versammlungen, und so beriefen denn nicht nur die kleineren Staaten Parlamente ein, sondern auch Österreich und Preußen ließen verfassunggebende Versammlungen zusammentreten. Wie im Frankfurter Abgeordnetenhaus hatten auch in diesen die liberale Bourgeoisie oder die mit ihr im Bunde stehenden liberalen Advokaten und Bürokraten die Mehrheit, und die Dinge nahmen überall so ziemlich die gleiche Wendung û mit dem einzigen Unterschied, daß die Deutsche Nationalversammlung das Parlament eines imaginären Landes war, da sie die Aufgabe, deren Erfüllung doch ihre erste Lebensbedingung war, nämlich die Schaffung eines geeinten Deutschlands, von sich gewiesen hatte, und daß sie die imaginären Maßnahmen einer von ihr selbst geschaffenen imaginären Regierung diskutierte, die nie verwirklicht werden sollten, und imaginäre Beschlüsse faßte, um die sich kein Mensch kümmerte. In Österreich und Preußen dagegen waren die konstituierenden Körperschaften wenigstens wirkliche Parlamente, die wirk- <48> liche Regierungen stürzten und einsetzten und mindestens eine Zeitlang den Fürsten, mit denen Sie im Kampfe lagen, ihre Beschlüsse aufzwangen. Auch sie waren feige, und es fehlte ihnen der Weitblick für revolutionäre Beschlüsse; auch sie verrieten das Volk und legten die Macht wieder zurück in die Hände des feudalen, bürokratischen und militärischen Despotismus. Aber sie waren dabei wenigstens gezwungen, praktische Fragen von unmittelbarem Interesse zu erörtern und auf der Erde zu leben mit den anderen Menschen, während die Frankfurter Schwätzer niemals glücklicher waren, als wenn sie "im Luftreich des Traums" umherschwirren konnten. Daher bildeten die Verhandlungen der Wiener und Berliner verfassunggebenden Versammlungen einen wichtigen Abschnitt der deutschen Revolutionsgeschichte, während die gequälten Ergüsse des Frankfurter Narrenkollegiums nur für Sammler literarischer und antiquarischer Kuriositäten Interesse bieten.

Das deutsche Volk, tief durchdrungen von der Notwendigkeit, mit der schädlichen territorialen Zerrissenheit aufzuräumen, die die Gesamtkraft der Nation zersplitterte und wirkungslos machte, erwartete von der Frankfurter Nationalversammlung eine Zeitlang wenigstens den Anbruch einer neuen Ära. Aber das kindische Gebaren dieser Gesellschaft von Neunmalweisen kühlte die Begeisterung der Nation rasch ab. Die schmachvollen Vorgänge anläßlich des Waffenstillstandes von Malmö (September 1848) führten zu einem Entrüstungssturm des Volkes gegen eine Körperschaft, von der man erhofft hatte, sie werde der Nation freies Feld für ihre Betätigung schaffen, und die statt dessen, getrieben von einer Feigheit ohnegleichen, nur die Grundlagen, auf denen das jetzige konterrevolutionäre System sich erhebt, in alter Festigkeit wiederhergestellt hat.

London, Januar 1852

<49>

VIII. [Polen, Tschechen und Deutsche]

Aus den Darlegungen in den bisherigen Artikeln ist bereits klar ersichtlich, daß es in Deutschland, wenn der Revolution vom März 1848 nicht eine neue folgte, unvermeidlich wieder zu den alten Zustände kommen mußte. Die geschichtliche Erscheinung, auf die wir einiges Licht zu werfen versuchen, ist jedoch so komplizierter Natur, daß die späteren Ereignisse ohne Berücksichtigung dessen, was man die auswärtigen Beziehungen der deutschen Revolution nennen kann, nicht vollständig verständlich sind. Und diese auswärtigen Beziehungen waren ebenso verwickelter Natur wie die inneren Angelegenheiten.

Die ganze östliche Hälfte Deutschlands bis zur Elbe, zur Saale und zum Böhmerwald ist bekanntlich im Verlauf der letzten tausend Jahre den slawischen Stämmen, die dort eingedrungen waren, wieder abgerungen wurden. Der größere Teil dieser Gebiete wurde so gründlich germanisiert, daß die slawische Nationalität und Sprache dort seit mehreren Jahrhunderten völlig verschwunden sind; und wenn man von einigen ganz isolierten Resten absieht, die alles in allem nicht einmal hunderttausend Seelen umfassen (Kassuben in Pommern, Wenden oder Sorben in der Lausitz), so sind ihre Bewohner in jeder Beziehung Deutsche. Anders verhält es sich aber längs der ganzen Grenze des ehemaligen Polens und in den Ländern tschechischen Sprache, in Böhmen und Mähren. Hier sind die beiden Nationalitäten in jedem Bezirk gemischt, wobei die Städte in der Regel mehr oder weniger deutsch sind; auf dem platten Lande herrschen die slawischen Elemente vor, aber auch dort wird es infolge des ständigen Vordringens des deutschen Einflusses allmählich zersetzt und zurückgedrängt.

Dieser Stand der Dinge findet in folgendem seine Erklärung. Seit der Zeit Karls des Großen haben sich die Deutschen mit der größten Ausdauer und Beharrlichkeit um die Eroberung, Kolonisation oder zum mindestens Zivilisierung des östlichen Europas bemüht. Die Eroberungen des Feudaladels zwischen Elbe und Oder und die feudalen Kolonien der kriegerischen Ritter- <50> orden in Preußen und Livland legten nur das Fundament für ein weit umfassenderes, wirksameres System der Germanisierung durch das kommerzielle und industrielle Bürgertum, das in Deutschland wie im übrigen Westeuropa seit dem 15. Jahrhundert zu sozialer und politischer Bedeutung aufstieg. Die Slawen, namentlich die Westslawen (Polen und Tschechen), sind im wesentlichen ein Volk von Ackerbauern; Handel und Industrie standen bei ihnen niemals in besonderem Ansehen. Daraus ergab sich, daß mit dem Anwachsen der Bevölkerung und dem Entstehen von Städten in diesen Gegenden die Herstellung aller Industrieartikel in die Hände deutscher Einwanderer fiel und daß der Austausch dieser Waren gegen landwirtschaftliche Erzeugnisse das ausschließliche Monopol der Juden wurde, die, wenn sie überhaupt zu einer Nationalität gehören, in diesen Ländern sicher eher Deutsche als Slawen sind. Das war, wenn auch in geringerem Grade, im ganzen Osten Europas der Fall. Der Handwerker, der kleine Krämer, der kleine Fabrikant ist in Petersburg, in Budapest, in Jassy und selbst in Konstantinopel bis auf den heutigen Tag ein Deutscher, während der Geldverleiher, der Schankwirt, der Hausierer û eine sehr wichtige Persönlichkeit in jenen dünn bevölkerten Gebieten û in den allermeisten Fällen ein Jude ist, dessen Muttersprache ein schauderhaft verdorbenes Deutsch ist. Die Bedeutung des deutschen Elementes in den slawischen Grenzgebieten, die mit dem Wachstum der Städte, des Handels und der Industrie zunahm, steigerte sich noch, als es sich zeigte, daß fast alles, was zur geistigen Kultur gehört, aus Deutschland eingeführt werden mußte; nach dem deutschen Kaufmann und Handwerker begann der deutsche Geistliche, der deutsche Schulmeister, der deutsche Gelehrte sich auf slawischen Boden niederzulassen. Schließlich kamen der eherne Schritt erobernder Armeen und der behutsame wohlüberlegte Griff der Diplomatie nicht immer nach der langsamen, aber sicher fortschreitenden Entnationalisierung, die die soziale Entwicklung mit sich brachte, sondern sie gingen ihr oftmals voraus. So wurden große Teile von Westpreußen und Posen seit der ersten Teilung Polens germanisiert, indem man Land aus Staatsdomänen an deutsche Kolonisten verkaufte oder verlieh, deutsche Kapitalisten bei der Errichtung von Fabriken usw. in jenen Landstrichen unterstützte und sehr oft auch äußerst despotische Maßnahmen gegen die polnischen Bewohner des Landes ergriff.

Auf diese Weise hat sich die Grenzlinie zwischen der deutschen und der polnischen Nationalität in den letzten siebzig Jahren völlig verschoben. Da mit der Revolution von 1848 die unterdrückten Nationen sofort den Anspruch <51> auf selbständige Existenz und auf das Recht erhoben, ihre eigenen Angelegenheiten selbst zu regeln, war es ganz natürlich, daß die Polen ohne weiteres die Wiederherstellung ihres Staates innerhalb der Grenzen der alten polnischen Republik vor 1772 forderten. Zwar war diese Grenze als Trennungslinie zwischen der deutschen und polnischen Nationalität schon zu jener Zeit überholt und entsprach ihr mit fortschreitender Germanisierung von Jahr zu Jahr immer weniger; aber nun hatten die Deutschen eine solche Begeisterung für die Wiederherstellung Polens an den Tag gelegt, daß sie erwarten mußten, man werde als ersten Beweis für die Echtheit ihrer Sympathien den Verzicht auf ihren Anteil an der Beute verlangen. Andererseits mußte man sich fragen, sollten ganze Landstriche, hauptsächlich von Deutschen bewohnt, sollten große, völlig deutsche Städte einem Volk überlassen werden, das bisher noch nicht bewiesen hatte, daß es fähig sei, sich über einen auf bäuerlicher Leibeigenschaft beruhenden Feudalzustand hinaus zu entwickeln? Die Frage war verwickelt genug. Die einzig mögliche Lösung lag in einem Kriege mit Rußland. Dadurch wäre die Frage der Abgrenzung zwischen den verschiedenen revolutionierten Nationen untereinander zu einer sekundären geworden gegenüber der Aufgabe, erst eine gesicherte Grenze gegen den gemeinsamen Feind zu schaffen. Hätten die Polen ausgedehnte Gebiete im Osten erhalten, so hätten sie über den Westen eher ein vernünftiges Wort mit sich reden lassen, und Riga und Mitau wären ihnen schließlich ebenso wichtig erschienen wie Danzig und Elbing. Die radikale Partei in Deutschland, die einen Krieg mit Rußland im Interesse der Bewegung auf dem Kontinent für notwendig hielt und glaubte, daß die nationale Wiederherstellung auch nur eines Teils von Polen unbedingt zu einem solchen Krieg führen würde, unterstützte daher die Polen; die regierende liberale Bourgeoisiepartei dagegen sah klar voraus, daß ein nationaler Krieg gegen Rußland zu ihrem Sturze führen mußte, da er Männer von größerer Tatkraft und Entschlossenheit ans Ruder bringen würde, heuchelte deshalb Enthusiasmus für die Erweiterung des Bereichs der deutschen Nation und erklärte Preußisch-Polen, den Hauptsitz der polnischen revolutionären Bewegung, zum integrierenden Bestandteil des kommenden deutschen Reiches. Die den Polen in der Erregung der ersten Tage gegebenen Versprechungen wurden schmählich gebrochen. Die mit Zustimmung der Regierung aufgestellten polnischen Streitkräfte wurden zerstreut und durch preußische Artillerie niederkartätscht, und bereits im April 1848, binnen sechs Wochen nach der Revolution in Berlin, war die polnische Bewegung niedergeschlagen und die alte nationale Feindschaft zwischen Polen und Deutschen <52> zu neuem Leben erweckt. Dieser ungeheure, unschätzbare Dienst wurde dem russischen Selbstherrscher von den liberalen Kaufleuten auf dem Ministersessel, Camphausen und Hansemann, erwiesen. Dazu kommt noch, daß diese Polenkampagne der erste Schritt war, um jene preußische Armee zu reorganisieren und ihr das Selbstvertrauen wiederzugeben, die später die liberale Partei zum Teufel jagte und die Bewegung zu Boden schlug, an deren Zustandekommen die Herren Camphausen und Hansemann so viel Mühe gewendet. "Womit sie gesündigt, damit sollen sie geplagt werden." Das war das Schicksal aller Emporkömmlinge von 1848 und 1849, von Ledru-Rollin bis Chargarnier und von Camphausen bis hinunter zu Haynau.

Die Nationalitätenfrage rief noch einen weiteren Kampf in Böhmen hervor. Dieses Land, bewohnt von zwei Millionen Deutschen und drei Millionen Slawen tschechischer Zunge, schaute auf große historische Ereignisse zurück, die fast alle mit der früheren Vorherrschaft der Tschechen zusammenhingen. Seit den Hussitenkriegen im fünfzehnten Jahrhundert ist aber die Kraft dieses Zweiges der slawischen Völkerfamilie gebrochen. Die Gebiete tschechischer Sprache waren auseinandergerissen, ein Teil bildete das Königreich Böhmen, ein anderes das Fürstentum Mähren; ein dritter, das karpatische Bergland der Slowaken, gehörte zu Ungarn. Die Mähren und Slowaken hatten längst jede Spur nationalen Empfindens und nationaler Lebenskraft verloren, obgleich sie ihre Sprache größtenteils bewahrten. In Böhmen selbst hatte das deutsche Element große Fortschritte gemacht; sogar in der Hauptstadt, in Prag, hielten sich die beiden Nationalitäten so ziemlich die Waage, und allenthalben befanden sich Kapital, Handel, Industrie und geistige Kultur in den Händen der Deutschen. Der Hauptkämpe der tschechischen Nationalität, Professor Palacký, ist selbst nur ein übergeschnappter deutscher Gelehrter, der bis auf den heutigen Tag die tschechische Sprache nicht korrekt und ohne fremden Akzent sprechen kann. Aber wie das häufig der Fall ist, machte die im Absterben begriffene tschechische Nationalität û im Absterben nach allen bekannten Tatsachen ihrer Geschichte in den letzten vierhundert Jahren û 1848 eine letzte Anstrengung, ihre frühere Lebenskraft wiederzuerlangen, eine Anstrengung, deren Scheitern, unabhängig von allen revolutionären Erwägungen, beweisen sollte, daß Böhmen künftig nur mehr als Bestandteils Deutschlands existieren könne, wenn auch ein Teil seiner Bewohner noch auf Jahrhunderte hinaus fortfahren mag, eine nichtdeutsche Sprache zu sprechen.

London, Februar 1852

<53>

IX. [Der Panslawismus û Der Krieg in Schleswig-Holstein]

Böhmen und Kroatien (ein anderes losgerissenes Glied der slawischen Völkerfamilie, mit dem die Ungarn so zu Werke gingen wie die Deutschen mit Böhmen) waren die Heimat jener Erscheinung, die man auf dem europäischen Kontinent "Panslawismus" nennt. Weder Böhmen noch Kroatien waren stark genug, um als Nation eine selbständige Existenz führen zu können. Die eine wie die andere Nationalität, nach und nach durch die Wirkung geschichtlicher Ursachen untergraben, die unvermeidlich zu ihrer Aufsaugung durch kraftvollere Stämme führen, konnte nur dann hoffen, wieder eine gewisse Selbständigkeit zu erlangen, wenn sie sich mit andern slawischen Völkern verband. Es gab zweiundzwanzig Millionen Polen, fünfundvierzig Millionen Russen, acht Millionen Serben und Bulgaren; warum also nicht eine mächtige Konföderation aus den achtzig Millionen Slawen bilden und die Eindringlinge vom heiligen slawischen Boden vertreiben oder sie vernichten û den Türken, den Ungarn und vor allem den verhaßten, aber unentbehrlichen "Njemez", den Deutschen? So wurde in den Studierstuben einer Handvoll slawischer Dilettanten der Geschichtswissenschaft jene lächerliche, antihistorische Bewegung aufgezogen, eine Bewegung, die sich kein geringeres Ziel setzte als die Unterjochung des zivilisierten Westens durch den barbarischen Osten, der Stadt durch das flache Land, des Handels, der Industrie und des Geisteslebens durch den primitiven Ackerbau slawischer Leibeigener. Aber hinter dieser lächerlichen Theorie stand die furchtbare Wirklichkeit des russischen Reiches, jenes Reiches, das mit jedem seiner Schritte den Anspruch erhebt, ganz Europa als Domäne der slawischen Rasse, insbesondere des einzig kraftvollen Teils dieser Rasse, der Russen, zu betrachten; jenes Reiche, das trotz zweier Hauptstädte wie Petersburg und Moskau solange nicht seinen Schwerpunkt gefunden hat, bis nicht die "Stadt des Zaren" (Konstantinopel, auf russisch Zarigrad - Zarenstadt), die jedem russischen Bauern als seine wahre religiöse und nationale Hauptstadt gilt, <54> tatsächlich die Residenz seines Kaisers geworden ist; jenes Reiches, das bei jedem Krieg, den es im Lauf der letzten 150 Jahre begonnen, nie Gebiet verloren, sondern immer gewonnen hat. Und man weiß in Mitteleuropa recht gut, durch welche Intrigen die russische Politik das neu in Mode gekommene System des Panslawismus gefördert, ein System, wie es passender für seine Zwecke gar nicht erfunden werden konnte. Die böhmischen und kroatischen Panslawisten arbeiteten also im direkten Interesse Rußlands, die einen bewußt, die andern, ohne es zu wissen; sie verrieten die Sache der Revolution für den Schemen eine Nationalität, die bestenfalls das Schicksal der polnischen Nationalität unter russischer Herrschaft geteilt hätte. Zur Ehre der Polen muß indessen gesagt werden, das sie niemals ernstlich in die panslawistische Falle gingen, und wenn einige wenige Aristokraten wütende Panslawisten wurden, so wußten sie, daß sie unter dem russischen Joch weniger zu verlieren hatten als durch eine Revolte ihrer eigenen hörigen Bauern.

Die Böhmen und Kroaten riefen nun einen allgemeinen Slawenkongreß nach Prag zur Vorbereitung einer allumfassenden slawischen Allianz. Dieser Kongreß hätte auch ohne das Eingreifen des österreichischen Militärs einen entschiedenen Mißerfolg erlitten. Die einzelnen slawischen Sprachen unterscheiden sich voneinander ebenso stark wie das Englische, das Deutsche und das Schwedische, und als die Versammlungen eröffnet wurden, fehlte es an einer gemeinsamen slawischen Sprache, in der die Redner sich verständigen konnten. Man versuchte es mit dem Französischen, aber die Mehrzahl kam damit nicht zurecht, und so waren die armen slawischen Enthusiasten, deren einziges gemeinsames Empfinden der gemeinsame Haß gegen die Deutschen war, schließlich gezwungen, sich der verhaßten deutschen Sprache zu bedienen, weil sie die einzige war, die alle verstanden! Gerade damals versammelte sich aber in Prag noch ein anderer Slawenkongreß in der Gestalt galizischer Ulanen, kroatischer und slowakischer Grenadiere, böhmischer Kanoniere und Kürassiere, und dieser reale, bewaffnete slawische Kongreß unter dem Kommando von Windischgrätz jagte in weniger als vierundzwanzig Stunden die Begründer einer imaginären slawischen Oberherrschaft zur Stadt hinaus und zerstreute sie in alle Winde.

Die böhmischen, dalmatinischen und ein Teil der polnischen Abgeordneten (die Aristokratie) im österreichischen verfassunggebenden Reichstag führten in dieser Versammlung einen systematischen Kampf gegen das deutsche Element. Die Deutschen und ein Teil der Polen (der verarmte Adel) waren in der Versammlung die Hauptvertreter des revolutionären Fortschritts; die Masse der slawischen Abgeordneten, die gegen sie auf- <55> traten, begnügten sich jedoch nicht damit, auf diese Weise die reaktionäre Tendenz ihrer ganzen Bewegung zu zeigen, sondern waren tief genug gesunken, um mit der gleichen österreichischen Regierung, die ihre Versammlung in Prag auseinanderjagte, zu intrigieren und zu konspirieren. Auch sie erhielten für dieses schmähliche Verhalten ihren Lohn; nachdem sie sich während des Oktoberaufstandes 1848, der ihnen schließlich die Mehrheit im Reichstag verschaffte, auf die Seite der Regierung gestellt, wurde der nunmehr fast ausschließlich slawische Reichstag ebenso durch österreichische Soldaten auseinandergetrieben wie der Prager Kongreß, und den Panslawisten wurde mit dem Kerker gedroht, falls sie sich nochmals rühren sollten. Und sie haben nur das eine erreicht, das die slawische Nationalität jetzt überall durch österreichische Zentralisation untergraben wird, ein Ergebnis, das sie ihrem eigenen Fanatismus und ihrer eigenen Blindheit zu danken haben.

Wären die Grenzen zwischen Ungarn und Deutschland irgendwie problematisch gewesen, so wäre bestimmt auch dort ein Streit entstanden. Aber zum Glück gab es dazu keinen Vorwand, und da die Interessen der beiden Nationen eng miteinander verknüpft waren, kämpften sie gegen die gleichen Feinde, nämlich die österreichische Regierung und den panslawistischen Fanatismus. Ihr gutes Einvernehmen wurde nicht einen Augenblick getrübt. Dagegen verwickelte die Revolution in Italien wenigstens einen Teil Deutschlands in einen für beide Seiten mörderischen Krieg, und als Beweis dafür, wie weit es dem Metternichschen System gelungen war, die Entwicklung des politischen Denkens allgemein hintanzuhalten, muß hier festgestellt werden, daß im Verlauf der ersten sechs Monate des Jahres 1848 die gleichen Männer, die in Wien auf die Barrikaden gestiegen, voll Begeisterung zu der Armee eilten, die gegen die italienischen Patrioten kämpfte. Diese bedauerliche Ideenverwirrung war indessen nicht von langer Dauer.

Endlich gab es noch den Krieg mit Dänemark wegen Schleswig und Holstein. Diese Länder, der Nationalität, Sprache und Neigung nach unzweifelhaft deutsch, sind auch aus militärischen, maritimen und kommerziellen Gründen für Deutschland notwendig. Ihre Bewohner haben während der letzten drei Jahre einen harten Kampf gegen das Eindringen der Dänen geführt. Überdies war nach den Staatsverträgen das Recht auf ihrer Seite. Die Märzrevolution brachte sie in offene Kollision mit den Dänen, und Deutschland unterstützte sie. Aber während in Polen, in Italien, in Böhmen und später in Ungarn die militärischen Operationen mit dem größten Nachdruck betrieben wurden, ließ man die Truppen in diesem Kriege, dem einzigen, der populär, dem einzigen, der wenigstens zum Teil revolutionär war, geflissentlich hin und her marschieren und nahm die Einmischung auswärtiger <56> Diplomatie hin, was nach manchem heldenmütigen Gefecht zu einem höchst kläglichen Ende führte. Die deutschen Regierungen übten an der schleswig-holsteinischen revolutionären Armee bei jeder Gelegenheit Verrat und ließen sie, wenn sie verstreut oder geteilt war, absichtlich von den Dänen zersprengen. Mit den deutschen Freiwilligenkorps verfuhr man in gleicher Weise.

Aber während so der deutsche Name auf allen Seiten nichts als Haß erntete, rieben sich die deutschen konstitutionellen und liberalen Regierungen vergnügt die Hände. Es war ihnen gelungen, die Bewegung in Polen und Böhmen niederzuwerfen. Überall hatten sie die alten nationalen Gegensätze zu neuem Leben erweckt, die solange einem guten Einvernehmen und gemeinsamen Vorgehen von Deutschen, Polen und Italienern im Wege gestanden. Sie hatten das Volk an Bürgerkrieg und militärische Unterdrückung gewöhnt. Die preußische Armee hatte in Polen, die österreichische in Prag ihr Selbstvertrauen wiedergefunden; und während die von Patriotismus überströmende revolutionäre, aber kurzsichtige Jugend (die "patriotische Überkraft", wie Heine sie nannte) nach Schleswig und in die Lombardei gelenkt wurde, damit sie unter den Kartätschen des Feindes verblutete, gab man der regulären Armee, dem wirklichen Werkzeug in der Hand sowohl Preußens wie auch Österreichs, durch Siege über das Ausland Gelegenheit sich bei der Öffentlichkeit wieder in Gunst zu setzten. Wir wiederholen jedoch: Kaum hatten diese Armeen, von den Liberalen neu gestärkt, um gegen die fortgeschrittenere Partei eingesetzt zu werden, ihr Selbstvertrauen und ihre Disziplin einigermaßen wiedererlangt, da wendeten sie sich gegen die Liberalen und verhalfen den Männern des alten Systems wieder zu Macht. Als Radetzky in seinem Lager jenseits der Etsch die ersten Befehle der "verantwortlichen Minister" in Wien erhielt, rief er aus: "Wer sind diese Minister? Sie sind nicht die österreichische Regierung. Österreich existiert jetzt nur mehr in meinem Lager; ich und meine Armee, wir sind Österreich; wenn wir erst die Italiener geschlagen haben, werden wir das Reich für den Kaiser zurückerobern!" Und der alte Radetzky hatte recht -nur die schwachköpfigen "verantwortlichen" Minister in Wien achteten nicht auf ihn.

London, Februar 1852


Direkt weiter zum Teil 3 der Schrift - Drücke hier!