Karl Marx / Friedrich Engels / Werke, Band 8, S. 5 - 108
Dietz Verlag, Berlin 1972 / DDR
Geschrieben August 1851 bis September 1852
Aus: "New-York Daily Tribune"
Die Überschriften sind an die 1896 von Eleanor Marx-Aveling besorgte Ausgabe in englischer Sprache angelehnt.
X. Der Pariser Aufstand -Die Frankfurter Nationalversammlung
XI. Der Wiener Oktoberaufstand]
XII. Die Erstürmung Wiens -Der Verrat an Wien
XIII. Die preußische konstituierende Versammlung -Die Frankfurter Nationalversammlung
<57>
X. [Der Pariser Aufstand -Die Frankfurter Nationalversammlung]
Schon Anfang April 1848 war die revolutionäre Flut auf dem ganzen europäischen Kontinent eingedämmt durch das Bündnis, das jene Gesellschaftsklassen, die aus den ersten Siegen Nutzen gezogen, sofort mit den Besiegten eingingen. In Frankreich hatte sich das Kleinbürgertum und der republikanische Teil der Bourgeoisie mit der monarchistischen Bourgeoisie gegen das Proletariat zusammengetan; in Deutschland und Italien hatte die siegreiche Bourgeoisie eifrig für die Unterstützung des Feudaladels, der staatlichen Bürokratie und der Armee gegen die Masse des Volkes und der Kleinbürger geworben. Gar bald bekamen die vereinigten konservativen und konterrevolutionären Parteien wieder Oberwasser. In England gestaltete sich eine zur Unzeit abgehaltene, schlecht vorbereitete Volkskundgebung (10.April) zu einer vollständigen und entscheidenden Niederlage der Bewegungspartei. In Frankreich wurden zwei ähnliche Bewegungen (am 16.April und am 15.Mai) gleichfalls niedergeschlagen. In Italien erlangte König Bomba am 15.Mai mit einem einzigen Schlage wieder die alte Macht. In Deutschland festigten sich die verschiedenen neuen Bourgeoisieregierungen und ihre konstituierenden Versammlungen, und wenn der ereignisreiche 15.Mai in Wien zu einem Sieg des Volkes führte, so war das ein Geschehnis von bloß untergeordneter Bedeutung, das als das letzte erfolgreiche Aufflackern der Volksenergie betrachtet werden kann. In Ungarn schien die Bewegung in das ruhige Fahrwasser völliger Gesetzlichkeit einzulenken, und die polnische Bewegung wurde, wie wir in unserem letzten Artikel gesehen, durch preußische Bajonette im Keime erstickt. Aber noch war die Wendung, die die Dinge schließlich nehmen sollten, in keiner Weise entschieden, und jeder Zollbreit Boden, den die revolutionären Parteien in den verschiedenen Ländern verloren, war für sie nur ein Ansporn, ihre Reihen immer enger zu schließen zum entscheidenden Kampf.
Der entscheidende Kampf rückte näher. Er konnte nur in Frankreich ausgefochten werden; denn solange England an dem revolutionären Ringen <58> nicht teilnahm und Deutschland zersplittert blieb, war Frankreich dank seiner nationalen Unabhängigkeit, seiner Zivilisation und Zentralisierung das einzige Land, das den Ländern ringsum den Anstoß zu einer gewaltigen Erschütterung geben konnte. Als daher am 23.Juni 1848 das blutige Ringen in Paris begann, als jedes neue Telegramm, jede neue Post vor den Augen Europas immer klarer die Tatsache enthüllte, daß dieser Kampf zwischen der Masse des arbeitenden Volkes einerseits und allen übrigen, von der Armee unterstützen Klassen der Pariser Bevölkerung andererseits, geführt wurde, als sich der Kampf mehrere Tage hinzog, mit einer Erbitterung, die in der Geschichte des modernen Bürgerkrieges ohnegleichen ist, jedoch ohne erkennbaren Vorteil für die eine oder die andere Seite û da war jedermann klar, daß dies die große Entscheidungsschlacht war, die, wenn der Aufstand siegte, den ganzen Kontinent mit erneuten Revolutionen überfluten, wenn er aber unterlag, zum mindestens vorübergehend zur Wiederaufrichtung des konterrevolutionären Regimes führen mußte.
Die Proletarier von Paris wurden geschlagen, dezimiert, zerschmettert, dermaßen, daß sie sich von dem Schlag bis heute noch nicht wieder erholt haben. Und sofort erhoben in ganz Europa die neuen und alten Konservativen und Konterrevolutionäre das Haupt mit einer Frechheit, die zeigte, wie gut sie die Bedeutung der Ereignisse verstanden. Überall fiel man über die Presse her, das Vereins- und Versammlungsrecht wurde geschmälert, jeder unbedeutende Vorfall in irgendeiner kleinen Provinzstadt zum Vorwand genommen, das Volk zu entwaffnen, den Belagerungszustand zu verhängen, die Truppen in den neuen Manövern und Kunstgriffen zu drillen, die Cavaignac gelehrt. Zudem war zum erstenmal seit dem Februar beweisen, daß es ein Irrtum war, eine Volkserhebung in einer großen Stadt für unbesiegbar zu halten; die Ehre der Armee war wiederhergestellt; die Truppen, die bisher in jedem Straßenkampf von Bedeutung den kürzeren gezogen, gewannen wieder Zuversicht, auch dieser Art des Kampfes gewachsen zu sein.
Vor dieser Niederlage der ouvriers von Paris an kann man die ersten entschiedenen Schritte und bestimmten Pläne der alten feudal-bürokratischen Partei in Deutschland datieren, sich sogar ihres augenblicklichen Verbündeten, der Bourgeoisie zu entledigen und in Deutschland wieder den Zustand herzustellen, in dem es sich vor den Märzereignissen befand. Die Armee war wieder die entscheidende Macht im Staate, und die Armee gehörte nicht der Bourgeoisie, sondern eben jener Partei. Selbst in Preußen, wo vor 1848 bei einem Teil der Offiziere der unteren Rangstufen eine beträchtliche <59> Neigung für ein konstitutionelles Regime beobachtet worden war, führte die durch die Revolution in die Armee hineingetragene Unordnung diese räsonierenden jungen Leute zu strammer Unterordnung zurück; sobald sich der einfache Soldat ein wenig Freiheit gegenüber den Offizieren herausnahm, schwand bei ihnen sofort jeder Zweifel an der Notwendigkeit von Disziplin und stummen Gehorsam. Die besiegten Adligen und Bürokraten begannen jetzt zu erkennen, welchen Weg sie einschlagen mußten; die Armee, stärker geeint denn je, mit gehobenem Selbstgefühl infolge des Sieges über kleinere Aufstände und in Kriegen mit anderen Ländern, eifersüchtig auf den großen Erfolg, den das französische Militär soeben errungen û diese Armee brauchte man nur ständig in kleine Konflikte mit dem Volke zu bringen, und sie konnte, war nur der entscheidende Augenblick erst einmal gekommen, mit einem großen Schlage die Revolutionäre zermalmen und mit den Anmaßungen der bürgerlichen Parlamentarier Schluß machen. Und der geeignete Augenblick für einen solchen Schlag kam bald genug.
Wir übergehen die zuweilen merkwürdigen, meist aber langweiligen parlamentarischen Verhandlungen und lokalen Kämpfe, die in Deutschland die verschiedenen Parteien während des Sommers beschäftigten. Es genüge zu sagen, daß die Verfechter der Interessen der Bourgeoisie, trotz zahlreicher parlamentarischer Triumphe, von denen nicht ein einziger zu irgendeinem praktischen Ergebnis führte, im allgemeinen fühlten, daß ihre Stellung zwischen den extremen Parteien von Tag zu Tag unhaltbarer wurde und daß sie sich daher gezwungen sahen, heute ein Bündnis mit den Reaktionären zu suchen und morgen um die Gunst der beim Volke beliebteren Parteien zu buhlen. Dieses ständige Schwanken gab ihrem Ansehen in der öffentlichen Meinung vollends den Rest, und bei der Wendung, die die Dinge nahmen, kam die Verachtung, der sie verfielen, für den Augenblick hauptsächlich den Bürokraten und den Anhängern des Feudalismus zugute.
Zu Beginn des Herbstes war die Stellung der verschiedenen Parteien zueinander so gereizt und kritisch geworden, daß eine Entscheidungsschlacht nicht mehr zu vermeiden war. Das erste Treffen in diesem Krieg zwischen den demokratischen und revolutionären Massen und der Armee fand in Frankfurt statt. Obwohl nur von untergeordneter Bedeutung, brachte es doch den Truppen den ersten bemerkenswerten Vorteil gegenüber den Aufständischen und hatte eine große moralische Wirkung. Der von der Frankfurter Nationalversammlung eingesetzten Scheinregierung war von Preußen aus sehr durchsichtigen Gründen erlaubt worden, einen Waffenstillstand mit Dänemark zu schließen, der nicht nur die Deutschen in Schleswig der dänischen Rache preisgab, sondern auch die mehr oder weniger revolutionären <60> Grundsätze, die bei dem dänischen Krieg nach allgemeiner Ansicht eine maßgebende Rolle spielten, völlig verleugnete. Dieser Waffenstillstand wurde von der Frankfurter Versammlung mit einer Mehrheit von zwei oder drei Stimmen abgelehnt. Die Abstimmung hatte eine Scheinkrise des Ministeriums zur Folge, aber drei Tage später kam die Versammlung auf ihren Beschluß zurück und ließ sich tatsächlich dazu bringen, ihn umzustoßen und den Waffenstillstand zu billigen. Dieses schmachvolle Verhalten erregte im Volk Empörung. Barrikaden wurden errichtet, aber es waren bereits genügend Truppen nach Frankfurt beordert worden, und nach sechsstündigem Kampf war die Erhebung niedergeschlagen. Im Zusammenhang mit diesem Ereignis fanden in anderen Teilen Deutschlands (Baden, Köln) ähnliche, wenn auch weniger bedeutende Bewegungen statt, die aber gleichfalls niedergeschlagen wurden.
Dieses Vorgefecht brachte der konterrevolutionären Partei den einen großen Vorteil, daß jetzt die einzige Regierung, die û wenigstens dem Anschein nach û ausschließlich aus Volkswahlen hervorgegangen war, die Reichsregierung zu Frankfurt, ebenso wie die Nationalversammlung, in den Augen des Volkes erledigt war. Diese Regierung und diese Versammlung waren gezwungen gewesen, gegenüber der Kundgebung des Volkswillens an die Bajonette der Truppen zu appellieren. Sie waren kompromittiert, und so gering das Ansehen auch war, auf das sie bisher Anspruch erheben konnten, diese Verleugnung ihres Ursprungs, diese Abhängigkeit von den volksfeindlichen Regierungen und deren Truppen machten fortan den Reichsverweser, seine Minister und seine Abgeordneten vollends zu Nullen. Wir werden bald sehen, wie zuerst Österreich, dann Preußen und schließlich auch die kleineren Staaten jede Verfügung, jedes Ansuchen, jede Abordnung dieser Gesellschaft impotenter Träumer, die bei ihnen vorsprach, mit Verachtung behandelten.
Wir kommen jetzt zu dem großen Gegenstück der französischen Junischlacht in Deutschland, jenem Ereignis, das für Deutschland ebenso entscheiden war, wie der Kampf des Pariser Proletariats es für Frankreich gewesen: Wir meinen die revolutionäre Erhebung und darauffolgende Erstürmung Wiens im Oktober 1848. Dieser Kampf ist aber von solcher Bedeutung und die Erklärung der verschiedenen Umstände, die für seinen Ausgang in erster Linie mitbestimmend waren, wird soviel Raum der "Tribune" in Anspruch nehmen, daß wir genötigt sind, sie in einem besonderen Brief zu behandeln.
London, Februar 1852
<61>
XI. [Der Wiener Oktoberaufstand]
Wir kommen jetzt zu jenen entscheidenden Ereignissen, die in Deutschland das revolutionäre Gegenstück zum Pariser Juniaufstand bilden und mit einem Schlag entscheidend zugunsten der konterrevolutionären Partei in die Waagschale fielen û zum Wiener Auftand vom Oktober 1848.
Wir haben gesehen, welche Stellung die verschiedenen Klassen in Wien nach dem Siege vom 12.März einnahmen. Wir haben ferner gesehen, wie die Bewegung in Deutschösterreich mit den Vorgängen in den nichtdeutschen Gebieten Österreichs verflochten und durch sie gehemmt war. Wir brauchen also nur noch kurz einen Blick auf die Ursachen zu werfen, die zu dieser letzten und gewaltigsten Erhebung in Deutschösterreich führten.
Der Hochadel und die Börsen-Bourgeoisie, die inoffiziell die Hauptstützen des Metternichschen Regimes gewesen, waren sogar nach den Märzereignissen noch fähig, ihren maßgebenden Einfluß auf die Regierung zu behaupten, nicht nur dank dem Hof, der Armee und der Bürokratie, sondern mehr noch infolge der tödlichen Angst vor der "Anarchie", die in der Bourgeoisie reißend um sich griff. Sehr bald wagten diese Kreise einige Fühler auszustrecken in Gestalt eines Pressegesetzes, einer unbeschreiblich aristokratischen Verfassung und eines Wahlgesetzes, das auf der alten Einteilung in "Stände" beruhte. Das sogenannte konstitutionelle Ministerium, das aus halbliberalen, ängstlichen, unfähigen Bürokraten bestand, wagte am 14.Mai sogar einen direkten Angriff auf die revolutionären Organisationen der Massen, indem es das Zentralkomitee der Delegierten der Nationalgarde und der Akademischen Legion auflöste, eine Körperschaft, die ausdrücklich zu dem Zweck gebildet worden war, die Regierung zu überwachen und im Notfall die Kräfte des Volkes gegen sie aufzurufen. Dieses Vorgehen führte jedoch nur zur Erhebung vom 15.Mai, durch die die Regierung gezwungen wurde, das Komitee anzuerkennen, die Verfassung und das Wahlgesetz zu widerrufen und einen auf Grund des all- <62> gemeinen Wahlrechts gewählten konstituierenden Reichstag mit der Ausarbeitung des Entwurfs eines neuen Staatsgrundgesetzes zu betrauen. All das wurde am folgenden Tag durch eine kaiserliche Proklamation bestätigt. Aber die reaktionäre Partei, die gleichfalls ihre Vertreter im Ministerium hatte, brachte es bald zuwege, ihre "liberalen" Kollegen zu einem neuen Angriff auf die Errungenschaften des Volkes zu veranlassen. Die Akademische Legion, die Hochburg der Bewegungspartei, war gerade als Zentrum unausgesetzter Agitation den gemäßigteren Wiener Bürgern besonders zuwider geworden; am 26. wurde sie durch ministerielle Verfügung aufgelöst. Vielleicht wäre dieser Streich geglückt, wenn man die Ausführung einem Teil der Nationalgarde allein übertragen hätte; aber die Regierung, die auch dieser nicht traute, bot Militär auf; daraufhin schwenkte die Nationalgarde sofort gegen die Regierung ein, machte mit der Akademischen Legion gemeinsame Sache und vereitelte so den ministeriellen Plan.
Mittlerweile hatte jedoch der Kaiser mit seinem Hof am 16.Mai Wien verlassen und in Innsbruck Zuflucht genommen. Hier, inmitten der bigotten Tiroler, deren Loyalität angesichts der Gefahr eines Einfalls der sardinisch-lombardischen Armee in ihr Land erneut aufflammte, gestützt auf die Nähe der Truppen Radetzkys, in deren Schußbereich Innsbruck lag, hier fand die konterrevolutionäre Partei ein Asyl, von dem aus sie unkontrolliert, unbeobachtet und ungefährdet ihre zersprengten Kräfte sammeln und wiederherstellen und von neuem das Netz ihrer Verschwörungen über das ganze Land spinnen konnte. Mit Radetzky, Jellachich und Windischgrätz sowie mit zuverlässigen Leuten innerhalb der administrativen Hierarchie der verschiedenen Provinzen wurden die Verbindungen wiederaufgenommen, mit den Führern der Slawen Ränke geschmiedet. Auf diese Weise wurde eine wirkliche Macht geschaffen, die der konterrevolutionären Kamarilla zur Verfügung stand, während man den machtlosen Wiener Ministern gestattete, ihre kurzlebige, schwache Popularität in ständigen Reibereien mit den revolutionären Massen und in den Debatten der demnächst zusammentretenden konstituierenden Versammlung abzunützen. So war die Taktik, die Bewegung in der Hauptstadt eine Zeit sich selbst zu überlassen, eine Taktik, die in einem zentralisierten und homogenen Lande wie Frankreich unbedingt dazu geführt hätte, daß die Bewegungspartei allmächtig geworden wäre, hier in Österreich, diesem Mischmasch heterogener politischer Kräfte, eines der Mittel, die unfehlbar die Reaktion wieder in den Sattel verhelfen mußten.
Die Wiener Bourgeoisie, die sich einredete, nach drei aufeinanderfolgen- <63> den Niederlagen und angesichts einer auf dem allgemeinen Wahlrecht beruhenden konstituierenden Versammlung sei der Hof als Gegner nicht mehr zu fürchten, verfiel mehr und mehr jener müden Gleichgültigkeit und jener ewigen Sehnsucht nach Ruhe und Ordnung, die diese Klasse nach heftigen, mit Störungen des Geschäftsgangs verbundenen Erschütterungen noch überall befallen hat. Die Industrie der österreichischen Hauptstadt beschränkt sich fast ausschließlich auf Luxusartikel, nach denen seit der Revolution und der Flucht des Hofes naturgemäß nur sehr geringe Nachfrage bestand. Der Ruf nach Rückkehr zu einem geordneten Regierungssystem und nach Rückkehr des Hofes û beides Dinge, von denen man eine geschäftliche Wiederbelebung erwartete -, dieser Ruf wurde jetzt allgemein in der Bourgeoisie. Der Zusammentritt der konstituierenden Versammlung im Juli wurde jubelnd begrüßt als das Ende der revolutionären Ära, ebenso die Rückkehr des Hofes, der sich nach den Siegen Radetzkys in Italien und nach Bildung des reaktionären Ministeriums Doblhoff stark genug fühlte, dem Ansturm des Volkes zu trotzen, und der in Wien gleichzeitig notwendig war, um seine Intrigen mit der slawischen Mehrheit des Reichstages zum Abschluß zu bringen. Während der konstituierende Reichstag die Gesetze über die Befreiung der Bauernschaft von den Fesseln des Feudalismus und der Leistung von Frondiensten für den Adel beriet, brachte der Hof ein Meisterstück zuwege. Man bewog den Kaiser, am 19.August eine Truppenschau über die Nationalgarde abzunehmen; die kaiserliche Familie, der Hofstaat, die Generalität überboten einander in Schmeicheleien an die Adresse der bewaffneten Bürger, denen der Stolz, sich derart öffentlich als eine der ausschlaggebenden Mächte des Staates anerkannt zu sehen, schon berauschend zu Kopfe gestiegen war; aber unmittelbar darauf erschien mit der Unterschrift des Herrn Schwarzer, des einzigen populären Ministers im Kabinett, ein Erlaß, der den Arbeitslosen die bisher gewährte staatliche Unterstützung entzog. Der Trick hatte Erfolg. Die Arbeiter veranstalteten eine Demonstration; die Bourgeois von der Nationalgarde erklärten sich für den Erlaß des Ministers; sie wurden auf die "Anarchisten" losgelassen, fielen wie Tiger über die unbewaffneten, keinen Widerstand leistenden Arbeiter her und richteten am 23.August ein großes Blutbad unter ihnen an. So wurde die Einheit und Macht der revolutionären Kräfte zerschlagen; der Klassenkampf zwischen Bourgeoisie und Proletariat war auch in Wien blutig zum Ausdruck gekommen, und die konterrevolutionäre Kamarilla sah den Tag herannahen, an dem sie es wagen konnte, zu ihrem großen Schlag auszuholen.
Die ungarischen Angelegenheiten gaben ihr bald Gelegenheit, offen zu verkünden, nach welchen Grundsätzen sie vorzugehen gedachte. Am <64> 5.Oktober erklärte ein kaiserlicher Erlaß in der "Wiener Zeitung" û ein Erlaß, der von keinem der verantwortlichen Minister für Ungarn gegengezeichnet war û den ungarischen Reichstag für aufgelöst und ernannte den Banus Jellachich von Kroatien zum Zivil- und Militärgouverneur von Ungarn û Jellachich, den Führer der südslawischen Reaktion, einen Mann, der sich mit den gesetzlichen Gewalten Ungarns im Kriegszustand befand. Gleichzeitig erhielten die Truppen in Wien den Befehl zum Abmarsch und zur Vereinigung mit der Armee, die Jallachichs Autorität gewaltsam durchsetzen sollte. Damit ließ man aber den Pferdefuß allzu deutlich sehen; jedermann in Wien fühlte, daß Krieg gegen Ungarn Krieg gegen das Prinzip einer konstitutionellen Regierung bedeutete, ein Prinzip, das durch den erwähnten Erlaß mit Füßen getreten worden war, denn der Kaiser hatte versucht, ohne Gegenzeichnung eines verantwortlichen Ministers Verordnungen mit Gesetzeskraft zu erlassen. Das Volk, die Akademische Legion, die Wiener Nationalgarde erhoben sich am 6.Oktober in Massen und widersetzten sich dem Ausmarsch der Truppen. Einige Grenadiere gingen zum Volke über. Ein kurzer Kampf entspann sich zwischen den bewaffneten Kräften des Volkes und den Truppen. Der Kriegsminister Latour wurde vom Volke erschlagen, und am Abend war das Volk Sieger. Inzwischen war der Banus Jellachich, bei Stuhlweißenburg von Perczel geschlagen, auf deutschösterreichisches Gebiet unweit Wien geflüchtet. Die Wiener Truppen, die ihm zur Hilfe eilen sollten, nahmen jetzt eine ausgesprochen feindliche, abwehrbereite Stellung ihm gegenüber ein, und der Kaiser mitsamt dem Hof war wieder geflüchtet, diesmal nach Olmütz, auf halbslawisches Gebiet.
In Olmütz befand sich der Hof indessen in einer ganz anderen Lage als seinerzeit in Innsbruck. Umgeben von den slawischen Abgeordneten der Konstituante, die scharenweise nach Olmütz eilten, und von slawischen Enthusiasten aus allen Teilen der Monarchie, war er jetzt imstande, ohne weiteres den Feldzug gegen die Revolution zu eröffnen. Dieser Feldzug sollte in ihren Augen ein Krieg für die Wiederaufrichtung des Slawentums werden, ein Vernichtungskrieg gegen die beiden Eindringlinge in das von ihnen als slawisch betrachtete Gebiet, gegen die Deutschen und die Magyaren. Windischgrätz, der Eroberer von Prag, jetzt der Befehlshaber der Armee, die man rings um Wien konzentrierte, wurde mit einemmal zum slawischen Nationalhelden. Und seine Armee wurde rasch von überallher zusammengezogen. Aus Böhmen, Mähren, der Steiermark, Oberösterreich und Italien marschierte Regiment auf Regiment in Richtung Wien, um sich mit den Truppen <65> Jellachichs und der früheren Garnison der Hauptstadt zu vereinigen. So waren gegen Ende Oktober über 60000 Mann zusammengezogen, die bald begannen, die Kaiserstadt von allen Seiten einzuschließen, bis sie am 30.Oktober so weit vorgedrungen waren, daß sie den entscheidenden Angriff wagen konnten.
In Wien herrschten unterdessen Verwirrung und Ratlosigkeit. Die Bourgeoisie war nach dem Sieg alsbald wieder von ihrem alten Mißtrauen gegen die "anarchische" Arbeiterklasse verfallen. Die Arbeiter, die die ihnen sechs Wochen zuvor von den bewaffneten Krämern zuteil gewordene Behandlung so wenig vergessen hatten wie die unstete, schwankende Politik des Bürgertums überhaupt, wollten diesem die Verteidigung der Stadt nicht anvertrauen und verlangten Waffen und eine eigene militärische Organisation. Die Akademische Legion, die darauf brannte, gegen den kaiserlichen Despotismus zu kämpfen, war völlig außerstande, den tieferen Sinn der Entfremdung zwischen den beiden Klassen zu verstehen oder die Erfordernisse der Lage sonst zu begreifen. Verwirrung herrschte in den Köpfen des Volkes, Verwirrung in den führenden Kreisen. Der Rest des Reichstags û deutsche Deputierte und ein paar Slawen, die, von einigen revolutionären polnischen Abgeordneten abgesehen, für ihre Freunde in Olmütz Spitzeldienste leisteten û tagte in Permanenz; aber statt eine entschiedene Haltung einzunehmen, vertrödelten sie ihre ganze Zeit mit nutzlosen Debatten über die Möglichkeit eines Widerstandes gegen die kaiserliche Armee, ohne die Grenzen der konstitutionellen Formen zu überschreiten. Der Sicherheitsausschuß, zusammengesetzt aus Abgeordneten fast aller Organisationen des Volkes von Wien, war wohl zum Widerstand entschlossen, stand aber unter der Herrschaft einer Mehrheit von Pfahlbürgern und Kleinkrämern, die ihn nie zu konsequent entschlossenem, tatkräftigem Handeln kommen ließen. Der Ausschuß der Akademischen Legion faßte heroische Beschlüsse, war aber völlig unfähig, die Führung zu übernehmen. Die Arbeiter, mit Mißtrauen betrachtet, ohne Waffen, ohne Organisation, der Geistesknechtung des alten Regimes kaum entronnen, eben erst erwachend, nicht zum Bewußtsein, sondern zum rein instinktiven Erfassen ihrer gesellschaftlichen Lage und der sich daraus ergebenden politischen Haltung, konnten sich nur durch laute Demonstrationen Gehör verschaffen; man durfte von ihnen nicht erwarten, sie würden die Schwierigkeiten des Augenblicks meistern. Aber sie waren û wie überall in Deutschland während der Revolution û bereit, bis zum äußersten zu kämpfen, sobald sie nur Waffen erhielten.
So standen die Dinge in Wien. Draußen die reorganisierte österreichische Armee, berauscht von den Siegen Radetzkys in Italien, sechzig- bis siebzig- <66> tausend Mann, gut bewaffnet, gut organisiert, und wenn die Führung auch nicht viel taugte, so doch immerhin mit Führern versehen. Drinnen Verwirrung, Klassenspaltung, Desorganisation; eine Nationalgarde, von der ein Teil entschlossen war, überhaupt nicht zu kämpfen, während ein anderer Teil noch zu keinem Entschluß gekommen und nur der kleinste Teil zum Handeln bereit war; eine proletarische Masse, stark an der Zahl, aber ohne Führer, ohne jede politische Schulung, ebenso leicht geneigt zur Panik wie zu beinah grundlosen Wutausbrüchen, eine Beute jedes falschen Gerüchts, das ausgestreut wurde, durchaus bereit zu kämpfen, doch ohne Waffen, wenigstens zu Beginn, und auch später, als man sie schließlich zum Kampf führte, nur unvollständig bewaffnet und fast gar nicht organisiert; ein hilfloser Reichstag, der noch über theoretische Haarspaltereien diskutierte, als ihm schon fast das Dach über dem Kopfe brannte, ein leitender Ausschuß ohne innere Triebkraft und Energie. Alles war anders geworden seit den Tagen des März und Mai, als im Lager der Konterrevolution völlige Verwirrung herrschte und nur eine einzige organisierte Macht bestand: die von der Revolution geschaffene. Über den Ausgang eines solchen Kampfes konnte es kaum einen Zweifel geben, und wenn es doch noch einen gab, so wurde er behoben durch die Ereignisse des 30. und 31.Oktober und des 1.November.
London. März 1852
<67>
XII. [Die Erstürmung Wiens û Der Verrat an Wien]
Als die konzentrierte Armee unter Windischgrätz schließlich zum Angriff auf Wien überging, waren die Kräfte, die zur Verteidigung Wiens verfügbar waren, gänzlich unzureichend für diesen Zweck. Von der Nationalgarde konnte nur ein Teil auf die Schanzen gebracht werden. Allerdings hatte man zuletzt in aller Eile eine proletarische Garde gebildet; aber da der Versuch, auf diese Weise den zahlreichsten, mutigsten, tatkräftigsten Teil der Bevölkerung heranzuziehen viel zu spät kam, war sie mit dem Gebrauch der Waffen und mit den allerersten Anfängen der Disziplin zu wenig vertraut, um erfolgreich Widerstand zu leisten. So war die Akademische Legion, 3000 bis 4000 Mann stark, gut einexerziert und bis zu einem gewissen Grade diszipliniert, tapfer und voll Enthusiasmus, vom militärischen Standpunkt aus die einzige Streitmacht, die mit Aussicht auf Erfolg eingesetzt werden konnte. Doch was war sie, zusammen mit den paar verläßlichen Nationalgarden und mit der wirren Masse bewaffneter Proletarier, gegenüber der an Zahl weit überlegenen regulären Armee Windischgrätz, gar nicht zu reden von den räuberischen Horden Jellachichs, die durch die ganze Art ihrer Gepflogenheiten für einen Kampf von Haus zu Haus, von Gasse zu Gasse wie geschaffen waren? Und was hatten die Aufständischen, abgesehen von ein paar alten, abgenutzten, schlecht bespannten und schlecht bedienten Geschützen, der zahlreichen, vorzüglich ausgerüsteten Artillerie entgegenzusetzen, von der Windischgrätz so rücksichtslos Gebrauch machte?
Je näher die Gefahr heranzog, um so größer wurde die Verwirrung in Wien. Der Reichstag konnte sich bis zum letzten Augenblick nicht dazu aufraffen, die ungarische Armee Perczels zu Hilfe zu rufen, die wenige Meilen entfernt unterhalb der Hauptstadt lagerte. Der Sicherheitsausschuß faßte einander widersprechende Beschlüsse, denn er ließ sich gleich den bewaffneten Massen des Volkes von dem Auf und Nieder der wogenden Flut von Gerüchten und Gegengerüchten treiben. Nur in einem Punkte waren sich alle einig: daß das <68> Eigentum respektiert erden müsse, und das in einem für solche Zeiten geradezu lächerlichen Maße. Zur endgültigen Ausarbeitung eines Verteidigungsplanes geschah sehr wenig. Bem, der einzige Mann am Ort, der û wenn überhaupt jemand û Wien hätte retten können, war ein damals in Wien fast unbekannter Fremdling, von Geburt Slawe; er gab die Sache auf, erdrückt vom allgemeinen Mißtrauen. Hätte er ausgeharrt, so wäre er vielleicht als Verräter gelyncht worden. Messenhausen, der die aufständischen Streitkräfte befehligte, mehr ein Romanschreiber als ein auch nur subalterner Offizier, war der Aufgabe in keiner Weise gewachsen; und doch hatte die Volkspartei nach acht Monaten revolutionärer Kämpfe keinen Militär von größeren Fähigkeiten hervorgebracht oder für sich gewonnen als ihn. Unter solchen Bedingungen begann der Kampf. Wenn man berücksichtigt, daß ihre Verteidigungsmittel völlig unzureichend waren, daß militärische Kenntnisse und militärische Organisation bei den Mannschaften vollständig fehlten, so leisteten die Wiener heldenmütig Widerstand. An vielen Stellen wurde der Befehl, den Bem noch als Kommandant erteilt hatte, buchstäblich ausgeführt, "den Posten bis auf den letzten Mann zu verteidigen". Aber die Übermacht war zu groß. In den langen, breiten Straßen, die die Hauptverkehrsadern der Vorstädte bilden, wurde eine Barrikade nach der anderen von der kaiserlichen Artillerie hiweggefegt, und am Abend des zweiten Kampftages fiel die Häuserreihe am Glacis der Altstadt in die Hände der Kroaten. Ein schwacher, ungeordneter Angriff der ungarischen Armee hatte eine vollständige Niederlage erlitten, und während eines Waffenstillstandes, als einige Abteilungen in der Altstadt kapitulierten, andere unschlüssig waren und Verwirrung verbreiteten, während die Reste der Akademischen Legion neue Verschanzungen aushoben, drangen die Kaiserlichen ein und nahmen in dem allgemeinen Durcheinander die Altstadt.
Die unmittelbaren Folgen dieses Sieges, die Grausamkeiten und standrechtlichen Erschießungen, die unerhörten Greuel und Schandtaten der auf Wien losgelassenen slawischen Horden sind so bekannt, daß sie hier nicht in ihren Einzelheiten geschildert werden brauchen. Die weiteren Folgen, die völlig neue Wendung, die die deutschen Angelegenheiten durch die Niederlage der Revolution in Wien erfuhren, werden wir später zu behandeln haben. Hier haben wir nur noch zwei Punkte zu betrachten, die mit der Erstürmung Wiens in Zusammenhang stehen. Die Bevölkerung dieser Hauptstadt hatte zwei Bundesgenossen: die Ungarn und das deutsche Volk. Wo waren sie in der Stunde der Prüfung?
Wir haben gesehen, daß sich die Wiener mit der ganzen Hochherzigkeit eines eben befreiten Volkes für eine Sache erhoben hatten, die, wenn auch in <69> letzter Instanz ihre eigene, doch zunächst und vor allem die Sache der Ungarn war. Ehe sie duldeten, daß die österreichischen Truppen gegen Ungarn marschierten, wollten sie sich ihrem ersten und furchtbarsten Ansturm lieber selbst aussetzen. Und während sie so edelmütig ihre Verbündeten unterstützten, trieben die Ungarn Jellachich, gegen den sie erfolgreich gekämpft, in Richtung Wien und verstärkten so die Kräfte, die diese Stadt angreifen sollten. Unter diesen Umständen war es zweifellos Ungarns Pflicht, ohne Zögern und mit allen verfügbaren Kräften nicht dem Wiener Reichstag, nicht dem Sicherheitsausschuß oder sonst einer Körperschaft in Wien, sondern der Wiener Revolution zu Hilfe zu kommen. Und selbst wenn Ungarn vergessen haben sollte, daß Wien die erste Schlacht Ungarns geschlagen, so durfte es der eigenen Sicherheit wegen nicht vergessen, daß Wien der einzige Vorposten der ungarischen Unabhängigkeit war und daß nach einem Fall von Wien nichts den Vormarsch der kaiserlichen Truppen gegen Ungarn aufhalten konnte. Nun ist uns aber sehr wohl bekannt, was die Ungarn alles zur Rechtfertigung ihrer Untätigkeit während der Einschließung und Erstürmung Wiens vorbringen können und vorgebracht haben: die Unzulänglichkeit ihrer eigenen Streitkräfte, die Weigerung des Reichstags und aller übrigen offiziellen Körperschaften in Wien, sie herbeizurufen, die Notwendigkeit, auf dem Boden der Verfassung zu bleiben und Komplikationen mit der deutschen Zentralgewalt zu vermeiden. Was aber die Unzulänglichkeit der ungarischen Armee betrifft, so steht fest, daß in den ersten Tagen nach Ausbruch der Revolution in Wien und nach dem Eintreffen Jellachichs keinerlei reguläre Truppen nötig gewesen wären, da die österreichische reguläre Armee noch lange nicht zusammengezogen war, und daß eine kühne, rücksichtslose Ausnutzung des Anfangserfolges über Jellachich, sei es auch nur mit dem Landsturm, der bei Stuhlweißenburg gefochten, genügt hätte, um die Verbindung mit den Wienern herzustellen und jede Konzentration einer österreichischen Armee um ein halbes Jahr hinauszuschieben. Im Krieg, und besonders im revolutionären Krieg, ist Schnelligkeit des Handelns, bis ein entscheidender Erfolg errungen, die oberste Regel, und wir tragen keine Bedenken zu sagen, daß Perczel aus rein militärischen Gründen nicht hätte haltmachen dürfen, ehe die Verbindung mit den Wienern hergestellt war. Wohl war einige Gefahr damit verbunden, aber wer hat je eine Schlacht gewonnen, ohne etwas zu wage? Und hatte das Volk von Wien denn nichts gewagt, als es sich selbst û eine Bevölkerung von 400000 Menschen û die Streitkräfte auf den Hals zog, die zur Niederwerfung von <70> 12 Millionen Ungarn ausmarschieren sollten? Der militärische Fehler, der darin bestand, zu warten bis sich die Österreicher vereinigt hatten, und das schwächliche Scheinmanöver bei Schwechat zu unternehmen, das verdientermaßen mit einer unrühmlichen Niederlage endete û dieser militärische Fehler brachte sicher größere Gefahren mit sich als ein entschlossener Vormarsch auf Wien gegen die zügellosen Horden Jellachichs.
Aber, wendet man ein, ein solcher Vorstoß der Ungarn, ohne Wissen und Willen irgendeiner offiziellen Körperschaft, wäre eine Verletzung deutschen Gebiets gewesen, hätte Verwicklungen mit der Zentralgewalt in Frankfurt heraufbeschworen und vor allem eine Abkehr von der gesetzlichen und konstitutionellen Politik bedeutet, in der die Stärke der ungarischen Sache begründet läge. Aber die offiziellen Körperschaften Wiens waren doch Nullen! War es der Reichstag, waren es die demokratischen Ausschüsse, die sich für Ungarn erhoben hatten, oder war es das Volk von Wien, und nur das Volk allein, das zum Gewehr gegriffen, um den ersten Anprall im Kampfe um Ungarns Unabhängigkeit aufzufangen? Es galt nicht, diese oder jene offizielle Körperschaft in Wien aufrechtzuerhalten û alle diese Körperschaften konnten und mußten mit dem Fortschritt der revolutionären Entwicklung sehr bald beseitigt werden -, sondern es handelte sich einzig und allein um den Aufschwung der revolutionären Bewegung, den ununterbrochenen Fortschritt der Volksaktion selbst, und das allein konnte Ungarn vor dem Einmarsch des Feindes retten. Welche Formen diese revolutionäre Bewegung später annehmen mochte, das war die Sache der Wiener und nicht der Ungarn, solange Wien und ganz Deutschösterreich im Kampf gegen den gemeinsamen Feind weiterhin ihre Verbündeten waren. Aber es fragt sich, ob man in diesem hartnäckigen Verlangen der ungarischen Regierung nach einer sozusagen gesetzlichen Ermächtigung nicht das erste Anzeichen jenes Bestrebens zu erblicken hat, sich in ihrem Verhalten hinter einer recht zweifelhaften Gesetzlichkeit zu verschanzen, die, wenn sie Ungarn auch nicht gerettet hat, so doch immerhin in einem späteren Zeitpunkt bei einem englischen Bourgeoisiepublikum eine ausgezeichnete Wirkung erzielte.
Was den Vorwand möglicher Konflikte mit der deutschen Zentralgewalt in Frankfurt anbelangt, so ist er völlig gegenstandslos. Die Frankfurter Machthaber waren durch den Sieg der Konterrevolution in Wien de facto schon gestürzt, sie wären ebenso gestürzt worden, wenn die Revolution dort die Unterstützung gefunden hätte, die sie brauchte um ihre Feinde zu besiegen. Und schließlich mag das gewichtige Argument, daß Ungarn den gesetzlichen und konstitutionellen Boden nicht verlasen durfte, vielleicht auf englische Freihändler Eindruck machen, aber vor dem Richterstuhl der <71> Geschichte wird er nimmer bestehen. Angenommen, das Volk von Wien hätte sich am 13. März und 6. Oktober ängstlich in den Grenzen "gesetzlicher und konstitutioneller" Mittel gehalten, was wäre dann aus der "gesetzlichen und konstitutionellen" Bewegung und all den glorreichen Kämpfen geworden, die Ungarn zum erstenmal die Aufmerksamkeit der zivilisierten Welt verschafften? Gerade der gesetzliche und konstitutionelle Boden, auf dem sich die Ungarn 1848 und 1849 angeblich bewegten, wurde für sie durch die äußerst ungesetzliche und verfassungswidrige Wiener Volkserhebung vom 13.März erkämpft. Wie beabsichtigen hier nicht, die Geschichte der ungarischen Revolution zu erörtern, aber angebracht erscheint uns die Bemerkung, daß es nicht den geringsten Nutzen bringt, sich ausdrücklich nur gesetzlicher Mittel zu bedienen gegenüber einem Feinde, der solche Bedenken nur verachtet, und daß überdies ohne diesen ewigen Vorwand der Gesetzlichkeit, den Görgey sich zu eigen machte und gegen die Regierung ausspielte, weder die Ergebenheit der Görgeyschen Armee für ihren Feldherren noch die schmähliche Katastrophe von Világos möglich gewesen wären. Und als die Ungarn schließlich, um die Ehre zu retten, gegen Ende Oktober 1848 über die Leitha setzten û war das nicht ebenso ungesetzlich, wie es ein sofortiger entschlossener Angriff gewesen wäre?
Man weiß, daß wir gegen Ungarn keine unfreundlichen Gefühle hegen. Wir haben zu Ungarn während des Kampfes gestanden; wir dürfen wohl sagen, daß unsere Zeitung, die "Neue Rheinische Zeitung", mehr als irgend eine andere getan hat, Ungarns Sache in Deutschland populär zu machen, indem sie das Wesen des Kampfes zwischen den Magyaren und den Slawen erklärte und den ungarischen Krieg in einer Reihe von Artikeln verfolgte, denen die Anerkennung zuteil wurde, in fast jedem späteren Buch über den Gegenstand plagiiert zu werden, die Arbeiten von gebürtigen Ungarn und "Augenzeugen" nicht ausgenommen. Auch jetzt noch betrachten wir Ungarn als notwendigen und natürlichen Bundesgenossen Deutschlands bei jeder künftigen Erschütterung auf dem Kontinent. Wir sind jedoch streng genug gegen unsere eigenen Landsleute gewesen, um ein Recht zu haben, auch über unsere Nachbarn ein offenes Wort zu sprechen; überdies, wenn wir hier die Tatsachen mit der Unparteilichkeit der Geschichtsschreibung registrieren, müssen wir erklären, daß in diesem besonderen Fall die hochherzige Kühnheit des Volkes von Wien nicht nur weit edler, sondern auch viel weitblickender war als die ängstliche Vorsicht der ungarischen Regierung. Und als Deutschem sei es mir ferner erlaubt zu sagen, daß wir alle die glanzvollen Siege und ruhmreichen Schlachten des ungarischen Feldzuges nicht eintauschen möchten für die spontane, isolierte Erhebung und den <72> heldenhaften Widerstand des Volks von Wien, unserer Landsleute, wodurch Ungarn Zeit gewann, die Armee aufzustellen, die so große Dinge vollbringen konnte.
Der zweite Bundesgenosse Wiens war das deutsche Volk. Aber dieses war überall in den gleichen Kampf verwickelt wie die Wiener. Frankfurt, Baden, Köln waren soeben besiegt und entwaffnet worden. In Berlin und Breslau stand das Volk der Armee in offener Feindschaft gegenüber und erwartete täglich den Ausbruch des Kampfes. So stand es allerorts in den lokalen Zentren der Bewegung. Überall waren Fragen in der Schwebe, die nur mit Waffengewalt entschieden werden konnten, und jetzt wurden zum erstenmal die unheilvollen Folgen des Fortbestehens der alten Zerrissenheit und Dezentralisation Deutschlands aufs schwerste fühlbar. Die verschiedenen Fragen waren in jedem Staat, in jeder Provinz, in jeder Stadt im Grunde genommen dieselben; aber sie tauchten überall unter verschiedenen Formen und Vorwänden auf und hatten überall verschiedene Reifegrade erreicht. So kam es, daß man zwar allerorts fühlte, von welch entscheidender Wichtigkeit die Wiener Ereignisse waren, daß aber gleichwohl nirgends ein wuchtiger Schlag geführt werden konnte, von dem sich erwarten ließ, daß er den Wienern Hilfe bringen oder ein Ablenkungsmanöver zu ihren Gunsten sein werde; und so blieb ihnen keine andere Hilfe als das Parlament und die Zentralgewalt in Frankfurt. Von allen Seiten wurden sie angefleht; aber was taten sie?
Das Frankfurter Parlament und der Bastard, der es als Folge seines blutschänderischen Verkehrs mit dem alten Bundestag in die Welt gesetzt, die sogenannte Zentralgewalt, machten sich die Wiener Vorgänge zunutze, um ihre eigene völlige Nichtigkeit an den Tag zu legen. Diese verächtlicher Versammlung hatte, wie wir gesehen, längst ihre Jungfernschaft preisgegeben und begann bei all ihrer Jugend bereits grauhaarig zu werden und sich alle Schliche geschwätziger, pseudodiplomatischer Prostitution anzueignen. Von den Träumen, von den Illusionen über deutsche Wiedergeburt, Macht und Einheit, die sie anfangs erfüllten, war nichts geblieben als eine Anzahl bombastischer teutscher Phrasen, die bei jeder Gelegenheit aufgetischt wurden, und der feste Glaube eines jeden Abgeordneten an seine eigene Wichtigkeit und an die Leichtgläubigkeit des Publikums. Die ursprüngliche Naivität war verflogen; die Vertreter des deutschen Volkes waren praktische Männer geworden, das heißt, sie hatten herausgefunden, daß ihre Stellung als Schiedsrichter über das Schicksal Deutschlands um so <73> sicherer sei, je weniger sie taten und je mehr sie schwätzten. Nicht etwa, daß sie ihre Verhandlungen für überflüssig hielten; ganz im Gegenteil. Aber sie waren dahinter gekommen, daß alle wirklich großen Fragen für sie verbotenes Gebiet waren, dem sie sich am besten fernhielten, und gleich einem Konzilium byzantinischer Doktoren des oströmischen Kaiserreichs diskutierten sie daher mit einer Wichtigtuerei und Ausdauer, würdig des Schicksals, das sie schließlich ereilte, theoretische Dogmen, die in allen Teilen der zivilisierten Welt längst erledigt sind, oder nur mit der Lupe wahrnehmbare praktische Fragen, die nie zu einem praktischen Ergebnis führten. Da die Nationalversammlung somit eine Art Lancasterschule zur gegenseitigen Belehrung ihrer Mitglieder war und darum für sie sehr wichtig, war sie überzeugt, sie leiste sogar mehr, als das deutsche Volk von ihr zu erwarten das Recht habe, und sie betrachtete jeden als Landesverräter, der die Unverschämtheit besaß, ihr zuzumuten, sie solle zu einem Ergebnis gelangen.
Als der Aufstand in Wien losbrach, gab es darüber einen Haufen Interpellationen, Debatten, Motionen und Amendements, die natürlich zu nichts führten. Die Zentralgewalt sollte einschreiten. Sie sandte zwei Kommissare nach Wien, Welcker, den ehemaligen Liberalen, und Mosle. Die Fahrten Don Quijotes und Sancho Pansas sind Stoff zu einer Odyssee, verglichen mit den Heldentaten und wundersamen Abenteuern dieser zwei irrfahrenden Ritter der deutschen Einheit. Zu feige, nach Wien zu gehen, ließen sie sich von Windischgrätz anschnauzen, von dem idiotischen Kaiser anglotzen und von dem Minister Stadion aufs unverschämteste foppen. Ihre Depeschen und Berichte sind vielleicht der einzige Teil der Frankfurter Protokolle, der in der deutschen Literatur einen ständigen Platz finden wird; sie sind ein wahres Musterexemplar der satirischen Romanze und ein ewiges Denkmal der Schande für die Frankfurter Nationalversammlung und ihre Regierung.
Auch die Linke der Nationalversammlung hatte zwei Kommissare nach Wien geschickt, um dort ihre Autorität zur Geltung zu bringen, die Herren Fröbel und Robert Blum. Als die Lage bedrohlich wurde, gelangte Blum zu der richtigen Erkenntnis, daß hier die Entscheidungsschlacht der deutschen Revolution zum Austrag kommen werde, und entschloß sich ohne zögern, sein Leben für die Sache einzusetzen. Fröbel dagegen war der Meinung, es sei seine Pflicht, sich für die wichtigen Aufgaben seines Frankfurter Postens zu erhalten. Blum galt als einer der besten Redner der Frankfurter Versammlung; sicher war er der populärste. Den Anforderungen einer erfahrenen parlamentarischen Versammlung hätte seine Beredsamkeit nicht standgehalten; er liebte zu sehr den seichten Pathos eines deutschen Dissidenten- <74> predigers, und seinen Argumenten fehlte es an philosophischer Schärfe wie an Kenntnis der praktischen Wirklichkeit. Politisch gehörte er zur "gemäßigten Demokratie", einer ziemlich unbestimmten Richtung, die sich aber gerade wegen dieses Mangels an Bestimmtheit ihrer Prinzipen großer Beliebtheit erfreute. Bei alledem war Blum jedoch seinem ganzen Wesen nach durch und durch ein Plebejer, wenn auch mit einem gewissen Schliff, und in entscheidenden Augenblicken gewannen sein plebejischer Instinkt und seine plebejische Energie die Oberhand über die Unbestimmtheit und daher Unentschiedenheit seiner politischen Meinung und Einsicht. In solchen Augenblicken erhob er sich weit über das gewöhnliche Maß seiner Fähigkeiten.
So sah er in Wien auf den ersten Blick, daß hier und nicht in den Debatten in Frankfurt mit ihrem vergeblichen Streben nach Eleganz die Entscheidung über das Schicksal seines Landes fallen müsse. Sofort faßte er seinen Entschluß, gab jeden Gedanken an Rückzug auf, übernahm ein Kommando in der revolutionären Armee und legte eine außerordentliche Kaltblütigkeit und Festigkeit an den Tag. Im war es zu danken, daß die Einnahme der Stadt geraume Zeit verzögert wurde, er war es, der eine ihrer Seiten gegen den Angreifer sicherte, indem er die Taborbrücke über die Donau in Brand steckte. Allgemein bekannt ist, wie er nach der Erstürmung verhaftet, vor ein Kriegsgericht gestellt und erschossen wurde. Er starb wie ein Held. Die Frankfurter Nationalversammlung aber, obwohl starr vor Entsetzen, machte doch nach außen gute Mine zu dem blutigen Schimpf. Eine Resolution wurde gefaßt, die durch den sanften Ton und die diplomatische Zurückhaltung ihrer Sprache eher eine Verunglimpfung des Grabes des gemordeten Märtyrers war als ein Verdammungsurteil über Österreich. Aber man durfte ja nicht erwarten, diese verächtliche Versammlung werde über die Ermordung eines ihrer Mitglieder empört sein, zumal es sich ja um einen Führer der Linken handelte.
London, März 1852
<75>
XIII. [Die preußische konstituierende Versammlung û die Frankfurter Nationalversammlung]
Am 1.November fiel Wien, und am 9. desselben Monats zeigte die Auflösung der konstituierenden Versammlung in Berlin, wie sehr dies Ereignis sofort den Mut und die Kraft der konterrevolutionären Partei in ganz Deutschland gehoben hatte.
Die Ereignisse des Sommers 1848 in Preußen sind bald erzählt. Die konstituierende Versammlung, oder richtiger "die Versammlung, die gewählt war, um mit der Krone eine Verfassung zu vereinbaren", und ihre aus Vertretern der Bourgeoisie bestehende Mehrheit hatten sich längst um jede Achtung der Öffentlichkeit gebracht, weil sie sich aus Angst vor dem energischeren Teil der Bevölkerung zu allen Intrigen des Hofes hergaben. Sie hatten die verhaßten feudalen Vorrechte bestätigt oder vielmehr wiederhergestellt und so die Freiheit und die Interessen der Bauernschaft verraten. Sie hatten sich weder als fähig erwiesen, einen Verfassungsentwurf auszuarbeiten, noch die Gesetzgebung überhaupt zu verbessern. Sie hatten sich fast ausschließlich mit theoretischen Haarspaltereien befaßt, bloßen Formalitäten und Fragen der konstitutionellen Etikette. Die Versammlung war tatsächlich mehr eine Schule des parlamentarischen savoir-vivre für ihre Mitglieder als eine Körperschaft, der das Volk Interesse entgegen bringen konnte. Überdies waren die großen Gruppen ziemlich gleich stark, und fast immer gaben die wankelmütigen Abgeordneten des Zentrums den Ausschlag, deren Schwankungen von rechts nach links und umgekehrt erst den Sturz des Ministeriums Camphausen, dann des Ministeriums Auerswald-Hansemann herbeiführten. Aber während so die Liberalen, hier wie überall sonst, den günstigen Augenblick ungenutzt verstreichen ließen, sammelte der Hof die Kräfte wieder, auf die er sich im Adel und bei dem zurückgebliebensten Teil der Landbevölkerung wie auch in der Armee und der Bürokratie stützen konnte. Nach <76> dem Sturze Hansemanns wurde ein Ministerium von Bürokraten und Offizieren gebildet, lauter eingefleischte Reaktionären, das aber zum Schein den Wünschen des Parlaments nachgab; und die Versammlung, die nach dem bequemen Grundsatz verfuhr, nur auf die "Maßnahmen und nicht auf Männer" komme es an, ließ sich tatsächlich derart übertölpeln, daß sie dieses Ministerium mit Beifall begrüßte, während sie natürlich kein Auge für die Konzentration und Organisierung der konterrevolutionären Kräfte hatte, die dies selbe Ministerium recht offen betrieb. Als schließlich der Fall von Wien das Signal gegeben, entließ der König seine Minister und ersetzte sie durch "Männer der Tat" unter Führung des jetzigen Ministerpräsidenten, des Herrn Manteuffel. Da wurde sich die traumversunkene Versammlung auf einmal der Gefahr bewußt; sie sprach dem Kabinett ihr Mißtrauen aus, was sofort durch einen Erlaß beantwortet wurde, der den Sitz der Versammlung von Berlin, wo sie im Fall eines Konflikts auf die Unterstützung der Massen zählen konnte, nach Brandenburg verlegte, einer kleinen Provinzstadt, die völlig von der Regierung abhing. Die Versammlung erklärte jedoch, sie könne ohne ihr Einverständnis weder vertagt noch verlegt, noch aufgelöst werden. Mittlerweile rückte General Wrangel an der Spitze von etwa 40000 Mann in Berlin ein. In einer Zusammenkunft der städtischen Behörden und der Offiziere der Bürgerwehr wurde beschlossen, von Widerstand abzusehen. Und nun, nachdem die Versammlung und die liberale Bourgeoisie, aus der sie hervorgegangen, den vereinigten Kräften der Reaktion gestattet hatte, alle wichtigen Posten zu besetzen und ihren Händen fast jede Verteidigungsmöglichkeit zu entwinden, begann jene grandiose Komödie des "passiven Widerstandes im Rahmen der Gesetze", die sie zu einer glorreichen Nachahmung des Beispiels von Hampden und der ersten Maßnahmen der Amerikaner im Unabhängigkeitskrieg zu gestalten dachte. Über Berlin wurde der Belagerungszustand verhängt û und Berlin blieb ruhig; die Bürgerwehr wurde von der Regierung aufgelöst û und ihre Waffen wurden mit der größten Pünktlichkeit abgeliefert. Die Versammlung wurde vierzehn Tage lang von einem Sitzungssaal zum anderen gejagt und überall durch Militär auseinandergetrieben û und die Mitglieder der Versammlung beschworen die Bürger, Ruhe zu bewahren. Von der Regierung zuletzt für aufgelöst erklärt, beschloß die Versammlung, die Steuererhebung für ungesetzlich zu erklären, und dann zerstreuten sich ihre Mitglieder über das ganze Land, um die Steuerverweigerung zu organisieren. Aber sie mußten entdecken, daß sie sich in der Wahl ihrer Mittel kläglich vergriffen hatten. Nach einigen bewegten Wochen, denen strenge Maßnahmen der Regierung gegen die Opposition folgten, gab man allgemein den Gedanken auf, einer praktisch abgestorbenen <77> Versammlung zuliebe, die nicht einmal den Mut zur Selbstverteidigung aufgebracht, die Steuern zu verweigern.
Ob es Anfang November 1848 bereits zu spät war, den bewaffneten Widerstand zu versuchen, oder ob ein Teil der Armee, wäre er auf ernstliche Gegenwehr gestoßen, sich auf die Seite der Versammlung geschlagen und so die Sache zu ihren Gunsten entschieden hätte, ist eine Frage, die wohl für immer ungelöst bleiben wird. Aber in der Revolution wie im Kriege ist es immer notwendig, dem Feind die Spitze zu bieten, und wer angreift ist im Vorteil; und in der Revolution wie im Krieg ist es unbedingt notwendig, im entscheidenden Augenblick alles zu wagen, wie die Chancen auch stehen mögen. Es gibt keine einzige erfolgreiche Revolution in der Geschichte, die nicht die Richtigkeit dieser Axiome beweist. Für die preußische Revolution war nun aber im November 1848 der entscheidende Augenblick gekommen; die Versammlung, die offiziell an der Spitze der ganzen revolutionären Bewegung stand, bot dem Feind jedoch nicht die Stirn, sondern wich bei jedem feindlichen Vorstoß zurück; noch weniger ging sie zum Angriff über û zog sie doch vor, sich nicht einmal zu verteidigen; und als der entscheidende Augenblick gekommen, als Wrangel an der Spitze von 40000 Mann an die Tore Berlins pochte, da fand er nicht jede Straße mit Barrikaden verrammelt, jedes Fenster in eine Schießscharte verwandelt, wie er und alle seine Offiziere bestimmt erwartet hatten, sondern er fand die Tore offen und auf den Straßen als einziges Hindernis friedliche Berliner Bürger, die sich köstlich über den Streich belustigten, den sie Wrangel dadurch gespielt, daß sie sich, an Händen und Füßen gebunden, den erstaunten Soldaten auslieferten. Allerdings hätten Versammlung und Volk im Falle des Widerstandes geschlagen werden können, Berlin konnte bombardiert werden, und viele Hunderte wären dabei vielleicht ums Leben gekommen, ohne den schließlichen Sieg der Königspartei zu verhindern. Aber das war kein Grund, ohne weiteres die Waffen zu strecken. Eine Niederlage nach schwerem Kampf ist eine Tatsache von ebenso großer revolutionärer Bedeutung wie ein leicht errungener Sieg. Die Niederlagen von Paris im Juni 1848 und von Wien im Oktober haben zur Revolutionierung der Bevölkerung dieser beiden Städte sicher weit mehr beigetragen als die Siege von Februar und März. Die Versammlung und das Volk von Berlin hätten wahrscheinlich das Schicksal jener beiden Städte geteilt; aber sie wären ruhmvoll unterlegen und hätten in den Herzen der Überlebenden das Verlangen nach Rache hinterlassen, das in revolutionären Zeiten eine der stärksten Triebfedern zu energischem, leidenschaftlichem Handeln bildet. Bei jedem Kampf ist es selbstverständlich, daß derjenige, der den Handschuh aufnimmt, Gefahr läuft, geschlagen zu werden; aber ist das ein Grund, sich <78> geschlagen zu geben und das Joch auf sich zu nehmen, ohne das Schwert gezogen zu haben?
Wer in einer Revolution eine entscheidende Stellung befehligt und sie dem Feind übergibt, statt ihn zu zwingen, einen Sturm auf sie zu wagen, verdient unter allen Umständen, als Verräter behandelt zu werden.
Der gleiche Erlaß des Königs von Preußen, der die konstituierende Versammlung auflöste, verkündete auch eine neue Verfassung, die auf dem von einem Ausschuß der Versammlung ausgearbeiteten Entwurf beruhte, wobei jedoch in manchen Punkten die Befugnisse der Krone erweitert, in anderen Fällen die des Parlamentes in Frage gestellt wurden. Diese Verfassung sah zwei Kammern vor, die demnächst zusammentreten sollten, um die Verfassung zu revidieren und zu bestätigen.
Wir brauchen kaum zu fragen, wo die deutsche Nationalversammlung während des "legalen und friedlichen" Kampfes der preußischen Konstitutionalisten war. Sie war, wie gewöhnlich, in Frankfurt damit beschäftigt, höchst zahme Resolutionen gegen das Vorgehen der preußischen Regierung zu fassen und das "imposante Schauspiel des passiven, gesetzlichen, einmütigen Widerstandes eines ganzen Volkes gegen brutale Gewalt" zu bewundern. Die Zentralregierung sandte Kommissare nach Berlin, die zwischen dem Ministerium und der Versammlung vermitteln sollten; aber sie fanden dasselbe Schicksal wie ihre Vorgänger in Olmütz und wurden höflich hinauskomplimentiert. Die Linke der Nationalversammlung, d.h. die sogenannte radikale Partei, entsandte ebenfalls Kommissare; aber nachdem sie sich von der völligen Hilflosigkeit der Berliner Versammlung gebührend überzeugt und ihrerseits ebenso große Hilflosigkeit an den Tag gelegt hatten, kehrten sie nach Frankfurt zurück, um über den Stand der Dinge zu berichten und die bewundernswert friedliche Haltung der Berliner zu bezeugen. Ja, noch mehr! Als Herr Bassermann, einer der Kommissare der Zentralregierung, berichtete, die jüngsten scharfen Maßnahmen des preußischen Ministeriums seien nicht unbegründet, da man in letzter Zeit allerhand verwegen aussehende Gestalten in den Straßen Berlins habe herumstrolchen sehen, wie sie immer am Vorabend anarchischer Bewegungen auftauchten (und die seitdem den Namen "Bassermannsche Gestalten" erhalten haben), da erhoben sich in allem Ernst jene würdigen Abgeordneten der Linken und entschiedenen Verfechter der revolutionären Belange, um zu beschwören und zu bezeugen, daß dem nicht so sei! So hatte sich im Verlaufe zweier Monate die völlige Unfähigkeit der Frankfurter Versammlung klar erwiesen. Schärfer konnte nicht mehr bewiesen werden, daß diese Körperschaft ihrer Aufgabe nicht im geringsten gewachsen war, ja, daß sie nicht im entferntesten einen Begriff davon hatte, was <79> in Wirklichkeit ihre Aufgabe war. Die Tatsache, daß die Entscheidung über das Schicksal der Revolution in Wien und Berlin fiel, daß in diesen beiden Hauptstädten die wichtigsten Lebensfragen erledigt wurden, ohne das man von der Existenz der Frankfurter Versammlung auch nur die leiseste Notiz nahm û diese Tatsache allein genügt, um festzustellen, daß diese Körperschaft ein bloßer Debattierklub war, bestehend aus einer Ansammlung leichtgläubiger Tröpfe, die sich von den Regierungen als parlamentarische Marionetten mißbrauchen ließen, um zur Belustigung der Krämer und Handwerker kleiner Staaten und Städte ein Schauspiel zu geben, solange man es für angezeigt hielt, die Aufmerksamkeit dieser Herrschaften abzulenken. Wie lange man das für angezeigt hielt, werden wir bald sehen. Aber es ist eine bemerkenswerte Tatsache, daß unter all den "hervorragenden" Männern dieser Versammlung nicht ein einziger war, der auch nur die geringste Ahnung von der Rolle hatte, die man sie zu spielen zwang, und daß bis auf den heutigen Tag Exmitglieder des Frankfurter Klubs unwandelbar ganz eigengeartete Organe für das Erfassen geschichtlicher Vorgänge haben.
London, März 1852